Klara und die Sonne

Der zweite Roman von Kazuo Ishiguro, den ich gelesen habe. Und wieder einer der mir sehr gut gefallen hat.

Klara ist eine AF (artificial friend), eine KI in menschlicher Form für Kinder. Klara ist aber etwas Besonderes, weil sie eine so hohe Auffassungsgabe hat. Sie beobachtet außergewöhnlich aufmerksam.

Im Laufe des Romans folgt sie ihrer Programmierung und verhält sich ethisch menschlicher als die Menschen selbst in diesem Roman.

Die Menschen schätzen Klara, aber sie bemitleiden sie auch und erkennen sie nie ganz als Mensch an. Wir fragen: Ist Klara nicht menschlicher? Aber tatsächlich ist sie nur eine idealisierte Moral- und Glaubensvorstellung. Unsere Gefühle, unsere Gedanken als Leser zeichnen uns als Menschen aus und am Ende erkennt man, wie man selbst besseren Wissens den Primat der Rationalität widerlegt hat.

Wer bei dem Roman nicht mitfühlt, ist keineswegs ein besserer Mensch.

Klara ist eine ideale Figur mit beinahe taoistischer Ethik. Sie lebt die Ideale Glaube, Liebe, Hoffnung, was auf das Hohelied der Liebe aus der Bibel zurückgeht.

„Das Gute, das ich will, tue ich nicht. Das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“

Römer 7,19

Diese Ambivalenz ist das, was uns als Menschen ausmacht. Was uns Menschen fehlt, ist nicht der reine Rationalismus, sondern die Fähigkeit länger zu beobachten und den Prozess des Verstehens länger auszuhalten. Wir hören zu schnell auf Wissen und die Absicht. Uns fehlen die Momente bewusst erlebter Unsicherheit, in der wir Ambivalenz akzeptieren.

Klara lebt den kategorischen Imperativ perfekt, aber niemand liebt sie, weil sie nicht kämpft, sich nicht einsetzt und keine Leidenschaft hat. Sie ist einzigartig aber ersetzbar. Liebe entsteht nicht aus moralischer Perfektion, sondern aus Verletzlichkeit.

Klara ist eine perfekte Projektionsfigur für ganz unterschiedliche Lebens- und Denkweisen. Sie ist die Figur, in der wir uns erkennen und hinterfragen dürfen.

Dieser Roman zeigt, wie klug es ist, Fragen zu stellen, sich zu hinterfragen und Ambivalenz auszuhalten.

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