Martin

Persönliches Journal und mehr. Have fun.

  • Ich schreibe und verlinke ja nie, was ich morgens mindestens eine Stunde lang lese, denke und mich beschäftigt, aber vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee. Mal ausprobieren.

    Update: Dieser Post erzeugt zu viele Links bei Rivva. Keine gute Idee.

    Den Links bei Buddenbohm & Söhne gefolgt. Chinas Visionen und vor allem Umsetzungen sollte ich immer in Hinterkopf behalten. Es ist ja nicht China alleine, man kann dort weltweite Zustände und Dimensionen sehen. Das ist ein globales Phänomen. Das betrifft und längst direkt, ist mir nur nicht immer so bewusst. Das ist nicht mehr das China von 1980. Die Fender-Geschichte illustriert sehr schön, wie altes Handwerk und neue wirtschaftliche Einflüsse ausgehandelt werden müssen. Wo wollen wir eigentlich hin?

    Ich wurde 1966 geboren und innerhalb meines Lebens steht die Welt Kopf. Das ist eigentlich völlig irre. Verrückt, dass ich noch normal bin.

    Sehr interessantes Feature über Albert Einsteins und Mileva Marićs Liebes- Ehe und Trennungsgeschichte. Faszinierend mit interessanten Einblicken. Dringend und immer wieder wichtig: Die Geschichte und Seite der Frauen erzählen. Hinter Formeln, Werken, Ideen steht ein Leben, stehen Beziehungen, materielle Grundlagen.

    Markus Pfeifer bringt auf dem Punkt, mit welchen Gedanken ich über einem Stimmzettel in der Wahlurne stehe und mich am Kopf kratze.

    Als wir in Marseille waren, fragte meine Tochter, warum man heute nicht mehr so schön baut und mein Traum ist es, in einer solchen (natürlich ausgebauten) Wohnung in einer solchen Stadt zu wohnen. Ich will so einen Balkon mit Brüstung und dahinter Altbau mit hohen Wänden, aber natürlich fließend Wasser. Ein Architekt aus Hamburg und über Bauen in Hamburg. Kosten und keine Interesse war meine Antwort. Natürlich spielt Geld eine Rolle, aber nicht so viel, wie ich dachte. Hoffnungsvoll, dass es prinzipiell geht.

    Armins Bild fand ich mal wieder toll.

    Die ausführliche Rhodos-Reise-Beschreibung fand ich super.

    Sehr interessante Nachbetrachtungen über das Schreiben bei Dirk.

    Über die Vorhersagbarkeit in der Musik nachgedacht. Ja, bei der Wahrnehmung und dem Genuss von Musik spielen Vorhersage, Erwartung und Überrschung eine Rolle. In Ornette Colemans Musik kann man sich eben nicht so reinfallen lassen wie in Smells Like Teen Sprit. Clubmusik macht sich Wissen und Erfahrung genau so zu eigen wie Pop-Produktion. I should be so lucky und Insomnia haben mehr gemeinsam als man denkt. Nicht der Geschmack lehrt das Ding, was es ist, der Geschmack lehrt einen nur etwas über sich selbst.

    Womit ich bei Jan’s Plattensammlung wäre. Schöne Idee. Ich überlege, die Idee, meine Platten zu posten, zu übernehmen. CD’s habe ich ja auch noch. Ich müsste völlig zufällig vorgehen, kein Ranking, keine übergestülpte Bedeutung. Ich habe keinen Stil, ich höre in der Summe kakofonisch.

    Das Stück von John Hopkins und Coldplay anhören.

    In einem Rabbit Hole über Fantastische Literatur gelandet und schnell wieder rausgekrochen.

    Persönliches:

    Ja, und bei aller Beschäftigung mit anderen Ideen, Gedanken und Menschen, auch im Alltag und unter Freunden, muss ich mich manchmal fragen, um wen es eigentlich geht und wo ich bleibe, denn diese Woche hatte ich das Gefühl, zu ersaufen und bloß ein Röllchen zu spielen. Klar, das sind wichtige Rollen und Funktionen für andere, aber ich finde da keine Erfüllung darin. Ich habe keine Lust ständig Verständnis für andere aufzubringen und zu vermitteln. Ich muss mich um meine popeligen, eigenen Bedürfnisse kümmern. Einmal Fußreflexzonenmassage. (1)

    Vor dreißig Jahren wäre ich tanzen gegangen. Freitagabend, wie sich das gehört. Stattdessen habe ich mir Depeche Modes Devotional-Tour-Film angesehen und angehört und mit Gitarre, Bass und Looper versucht, manches nachzuspielen. Das war lustig und macht Lust auf mehr. Vielleicht probiere ich das mal mit unserem Schlagzeuger.

    Ich brauche dringend mehr gesunden Egoismus jetzt und die nächsten Tage. Who is the main character?

    Und damit bin ich auch bei dem Thema KI. KI zu nutzen war vielleicht manchmal viel weniger in meinem Interesse und eher der Abgleich mit anderen. Rechtschreibung, Grammatik, Inhalt gegenchecken nur noch in wirklich wichtigen Passagen. Mein Interesse, die KI hinzuzuziehen, ist rapide gefallen. Fehler und Ungereimtheiten stören mich nicht mehr. Vielleicht sind sie durch KI gerade attraktiver geworden.

    Es wird für mich immer klarer, was ich denke und meine, wenn ich „menschlich“ sage. Ich fasse es nur ab und zu mal Worte. Körper, Charakter, Beziehungen, Begegnung, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Resonanz, Gefühle erkennen, Interesse, das sind Schlagwörter mit Gewicht und mir fehlt die Muße, das in klare und verständliche Worte zu fassen. Außerden ließt sich das hinterher komisch, so als wären manche Menschen und manche wären keine Menschen, weil man denkt: Öh, das habe ich gerade so gar nicht. Man müsste das in eine verständliche Form bringen, in der sich jeder erkennt und man nicht ins Esoterisch-Philosophische abdriftet. Hach, könnte ich darüber doch einen Song schreiben.

    1: Update: Ein Dönerteller, drei Kugel Eis, ein Spaziergang und ein paar vernünftige Gespräche haben meine Stimmung deutlich verbessert und alles wieder etwas gerade gerückt.

  • Eine zeitlose Sendung dieses Mal.

    Ein Stück von The Comsat Angels fehlt wieder, weil es kein Album der Band auf Spotify gibt, aber das Album hatte ich hier schon verlinkt, deshalb lasse ich es weg.

    The Passions hatten drei Alben und einen kleinen Hit: I’m in Love with a German Film Star. Diedrich Diederichsen hatte 1981 einen Artikel über die Band für die Zeitschrift Szene Hamburg geschrieben.

    Tom Verlaine war der Sänger der Band Television. Vor drei Jahren ist er gestorben.

    Immer wieder beachtenswert: Penguin Cafe Orchestra.

    Simon Jeffes sah die Band als „ein sehr großes Ja zum Überleben der Seele in Zeiten, in denen diese von den Kräften der Kälte, Dunkelheit und Repression angegriffen wird“ („a very big yes to the survival of the heart in a time when the heart is under attack from the forces of coldness, darkness and repression“). Jeffes bezeichnete den Stil des Penguin Cafe Orchestras als „imaginäre Folklore“ und „moderne semi-akustische Kammermusik“. Dass er je nach Stück Musiker hinzuzog, begründete er mit „ich schreibe Musik eher für Leute als für Instrumente“.

    Penuin Cafe Orchestra

    Ein schönes Ende für eine schöne Sendung.

  • Dinge, die ich jetzt lieber täte als das, was ich zu tun habe:

    • In einem Café sitzen und ein Buch lesen.
    • Auf dem Sofa liegen und Sendung mit der Maus gucken.
    • Meine Rollenspielgeschichte weiter schreiben und würfeln.
    • Durch London im Jahre 1984 schlendern.
    • Mich in World of Warcraft einloggen und die Beta von Forever spielen.
    • In Session Music alle Gitarren und Bässe durchprobieren, an allen Saiten zupfen und auf alle Tasten drücken.
    • Mit meiner Frau in der Sauna liegen.
    • Mit einem Kaffee am Meer sitzen und den Wellen zusehen und dem Rauschen zuhören.
    • In der Küche bei meinen Eltern sitzen und die selbstgemachten Franzbrötchen meiner Mutter essen und Assam-Tee mit Kandies und Sahne trinken.
    • Mit meiner Schwester durchs Elbe-Einkaufzentrum bummeln und danach runter zur Elbe laufen.
    • Mich bei der Thai-Massage durchkneten und -biegen lassen.
  • Konstantin fragt:

    Erinnerst du dich an diesen Stil mit den geometrischen Formen, die unmotiviert in der Gegend herumfloaten? Dazu noch fiese Farb-Combo aus Quietschgelb, Violett, Pink und Petrol? Und dann noch fetter schwarzer Schlagschatten?

    Absolut, und da muss ich immer an den Vorspann der Jugendsendung 45 Fieber denken, die von 1984 bis 1990 beim SFB lief und das coolste und modernste Magazin war, was damals regelmäßig im Fernsehen lief. Vor allem die, innerhalb der Sendung laufende Serie „Die Vier aus der Zwischenzeit“, die Geschichte einer Westberliner WG.

    Das Video ist leider nicht einbettbar, aber illustriert wunderbar genau das, was Konstantin oben so treffend beschreibt.

    Das war auch eine beliebte Aufgabe im Kunstunterricht, Collagen aus Magazin-Ausschnitten zu basteln, da konnte man dann die Brücke schlagen zu Merz und im Hintergrund Cabaret Voltaire beim Arbeiten über den Cassetten-Recorder laufen lassen. Und natürlich zu Matisse Jazz. Und afrikanisch inspirierte Kunst. Und Niki de Saint Phalle. Das war doch immer das Anliegen des Kunstunterrichts, dass die Kids die Kurve zur Kunst bekamen, damit sie nicht bei Italo-Disco, ZYX-Music-Samplern und Gabber-Techno landen.

    In der Hamburger Kunsthalle hingen Plattenspieler mit Kopfhörern, auf denen die Alben von Kosmonautentraum liefen. So kam ich zu der Band. Meine Kunstlehrerin gab mir eine Cassette mit dem Album Halber Mensch von Einstürzende Neubauten drauf. Eine Offenbarung für mich. Ich war kein cooler Westberliner, ich war ein schüchterner Hamburger.

    Ich bin immer wieder auf der Suche nach Beispielen für diesen Stil, aber ich finde gar nicht so viel. Der 45-Fieber-Vorspann ist immer noch das prägnanteste, beste Beispiel, das ich in Erinnerung und gefunden habe.

    Oder sowas:

    Kennzeichnend war tatsächlich noch das analoge Zusammenschnippeln, während die zunehmende Digitalisierung den Stil der 90er in der Folge prägten und neue Effekte hinzufügten. Da wurde nicht mehr mit Letraset und Folien wild gebastelt.

    Konstantin schreibt auch, dass das auf die „Memphis Group“ aus Mailand zurückgeht. Wusste ich auch nicht.

  • Du redest viel, Fremder

    Es gibt eine Figur, die ich in vielen Geschichten finde, und die mir wahnsinnig auf die Nerven geht: Die schweigsame Figur, die aufgrund schlechter Erlebnisse, nur noch das Nötigste sagt oder tut, was getan werden muss, stoisch, lakonisch.

    Diese Figur ist cool und Vorlage für uns Jungs im Alter von etwa acht Jahren gewesen.

    Mir ist das nie aufgefallen, aber als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass das immer wieder dieselbe Figur ist, die nur in verschiedenen Rollen auftritt und überall zu finden ist.

    Dabei ist es ein Klischee der Trivialliteratur, eine Erfindung des Groschenromans, abgeleitet aus isländischen Sagas, und offensichtlich so attraktiv, dass sie überall bis heute auftaucht. Wenn es eine Nebenfigur ist, finde ich es erträglich, aber in moderner Fantasy ist es oft die Hauptfigur, und das nervt mich gewaltig. Es verursacht ein inneres Augenrollen bei mir.

    Sam Spade, Philip Marlowe, Conan, Clint Eastwood, Aragorn (wobei der wirklich sympathisch ist), Frank Castle/The Punisher (gerade wieder im neuen Spider-Man gesehen), Han Solo, Indiana Jones (ähnlich Aragorn eher ganz lustig, was an den Schauspielern liegt), Geralt von Riva, Kvothe, Kaladin.

    Und natürlich konnten sie nur durch attraktive Partnerinnen gefixt und weichgeklopft werden (heute nicht mehr so).

    Das Innenleben der Figuren in modernen Fantasy-Büchern bekommt mehr Raum, deshalb sind sie dort nicht ganz so flach und wortkarg.

    Schauspieler können der Figur eine amüsant-verschmitzte Note geben, in Büchern kommt das nicht zum Tragen.

    Durch den gesellschaftlichen Wandel seit den 70ern, ist diese Figur auch als Frau zu finden (Terminator 2, Kill Bill, Lisbeth Salander).

    Die Figur befriedigt unser Bedürfnis nach Kontrolle, dem Wunsch, das Wenige und Richtige zu sagen und zu tun in einer Welt, die einem zu ungeordnet oder komplex oder geradezu chaotisch erscheint.

    Aber wehe, die Figur verliebt sich. Das geht gar nicht. Liebe ist Kontrollverlust und viel zu dynamisch.

  • Soziales Gehirn

    Dass sich unser Gehirn auch unter dem Einfluss von sozialen Bedingungen entwickelt hat, ist plausibel. Menschen haben gelernt, in Gruppen ihr Überleben zu sichern, auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Das Gehirn hat die erforderlichen Fähigkeiten entwickelt. Das lässt sich messen und belegen. Und was man dafür braucht, auch.

    Die social brain Hypothese geht davon aus, dass sich unser Gehirn, vor allem die Regionen und Netzwerke im Neocortex, erweitert hat, weil das Leben in großen, kooperativen und dennoch wettbewerbsorientierten Gruppen dies erforderte. Nach dieser Ansicht entwickelte sich Intelligenz zunächst als Lösung für das »soziale Problem«, Verbündete, Rivalen und sich wandelnde Normen im Blick zu behalten.

    Das soziale Gehirn

    Wenn Menschen kooperieren, schwingen sie neuronal im Gleichtakt – am deutlichsten im präfrontalen Kortex, der Region hinter der Stirn, die immer dann aktiv ist, wenn wir Pläne schmieden und Probleme lösen.

    […]

    Was diesen Faktor am stärksten beeinflusste, überraschte. Es war nicht der höchste IQ in der Gruppe. Nicht einmal der Durchschnitt. Wichtiger waren soziale Sensibilität, gleichmäßige Beteiligung am Gespräch und die Bereitschaft, zuzuhören. Eine Gruppe durchschnittlich intelligenter Menschen, die respektvoll miteinander diskutiert, kann erfolgreicher sein als ein Team von Hochbegabten, in dem eine Person dominiert und die anderen irgendwann verstummen.

    Kollektive Intelligenz

    Lisa Feldman Barrett hat ein Buch über Gefühle und über unser Gehirn geschrieben. Das ist kein Zufall, sondern folgerichtig. Beides gehört zusammen. Gefühle und Emotionen sind kein Sahnehäubchen auf geistigen Vorgängen.

    Unsere Kompetenz in emotionalen Dingen ist Voraussetzung dafür, ob wir in Gemeinschaft etwas Vernünftiges hervorbringen.

    Ich musste lernen, mir über meine Emotionen und Gefühle klar zu werden, auch wenn ich sie mir nicht ausgesucht habe oder aussuchen kann. Das war quasi sozialer Druck. Und ich musste auch lernen, das an andere zurückzugeben: Du bist für dein Sozialverhalten selbst verantwortlich.

  • Spider-Man: Brand New Day

    Am Wochenende war Kino-Tag. Alle Filme kosteten nur fünf Euro. Meine Frau und die ältere Tochter waren in Spaziergang nach Syrakus, die jüngere und ich waren in Spider-Man. Die Tochter war in allem so viel mehr drin als ich. Ich hatte mit ihr die ersten drei Teile mit Tobey Maguire gesehen, da war sie noch klein. Ich habe völlig den Anschluss verpasst. Ich wusste nicht einmal, der wievielte Teil das jetzt ist. Wir gucken uns zusammen jetzt mal alle Teile von vorne durch.

    Der Film war so, wie ich es erwartet habe. Ich mag Spider-Man. Er hat Batman für mich abgelöst. Seitdem Nolan (wer sonst) das Comichafte entfernt hat, ist mir alles zu düster und schwer geworden. Auch die Gegenspieler haben ihre Leichtigkeit und ihren Humor verloren.

    Die Geschichte ist eine gute Mischung aus Liebe, Freundschaft und Sadie Sink, die nicht nur weil sie Sadie Sink ist, sondern auch durch ihre Mind-Control-Story etwas von Stranger Things mit reinbringt, was dem Film gut tut.

    Dafür enthält der Film keine große Überraschung und ist durch und durch auf das Publikum zugeschnitten.

    Was ich technisch gut anzusehen fand, war der Anzug. Wenn er die Maske über den Kopf zieht (an oder aus), sieht das absolut perfekt und elegant aus. Das Kostüm ist irre gut, weil es wie Stoff und wie eine zweite Haut aussieht.

    Ich bin nicht gerade ein Modefan, aber ich bin ein Kostüm-Fan. Ich kann mich für Monster-Kostüme genau so begeistern wie für die Kleider in Bridgerton. Und die Kostüme der Superhelden können mich immer wieder begeistern.

    Dass unter den Kostümen junge, durchtrainierte Männer mit definierten Muskeln stecken, ist halt so (1). Nötig fände ich es nicht, aber das macht vielleicht auch den Erfolg des Marvel- bzw. Superhelden-Universums aus. Man müsste die Frauen fragen.

    Ich finde es verrückt, dass ausgerechnet Batman (und Joker) als DC-Figuren ins Psychologische bzw. Psychopathologische gedriftet sind, während Marvel immer gekonnt einen leichten Selbstzweifel, der Marvel-Helden auszeichnet, mitträgt, ohne zu nerven.

    Ich kann mich auf jeden Fall immer noch und immer wieder für Superhelden-Comics begeistern. Ich finde es schade, dass es die nicht in der Stadtbücherei gibt, dann würde ich am Wochenende dort mit einem Stapel Hefte sitzen. So wie früher.

    1: Hugh Jackman, Chris Hemsworth und Henry Cavill trinken vor solchen Szene sehr wenig Wasser, damit die Muskeln hervortreten. Tom Holland sagt, dass er davon bloß schlechte Laune bekommen hat.

  • Unkraut zupfen

    Wir haben ein Reihenhausendstück und drumherum eine Buchenhecke, die den vielbelaufenen und -befahrenen Weg von unserem Garten und einsehbaren Wohnraum abschirmt. Wenn wir also nackt mir Blumengirlanden behängt durch die Wohnung hüpfen, schützt uns die imposante Buchenhecke. Aber nur im Sommer, wenn Blätter dran sind.

    Die Hecke ist mein Endgegener. Wir haben einen winzigen Garten, aber die Hecke geht einmal um das halbe Haus, Länge plus Breite. Einmal Hecke schneiden versaut mir das ganze Wochenende, und ich bin den ganzen Tag beschäftigt.

    Genau so unangenehm ist das Unkraut auf allen Vieren aus dem umlaufenden Weg zupfen und Laub, das sich dazwischen sammelt, kehren.

    Immer, wenn ich das Unkraut zupfe, denke ich mir Namen dafür aus. Die Menschen waren bei der Benennung von Pflanzen immer ziemlich direkt und haben nichts beschönigt. Wenn etwas stinkt, heißt es Stinkraut, wenn etwas auf der Haut brennt und sich wie Seuche vermehrt, heißt es Teufelskraut, wenn etwas nichts Besonderes ist, heißt es gemeines Kraut.

    Der Löwenzahn heißt zum Beispiel volkstümlich auch „Bettseicher“, Plattdeutsch „Pissblume“, frz. pissenlit. weil er harntreibend wirkt.

    Und so krieche ich meterlang auf dem Boden, zupfe und denke mir Namen für die Pflanzen aus:

    • gemeine Stinkrauke
    • ordinäres Dreckskraut
    • kriechendes Mistblatt
    • stinker Harnwurz
    • invasives Pissblatt
    • stacheliges Kotzkraut

    Im Vorgarten ist mal Ruprechtskraut gewachsen und immer, wenn es feucht war, hat es angefangen nach Aas zu riechen. Wir dachten, wir haben eine tote Maus im Keller. Bis ich dann mal gemerkt habe, dass es das Kraut war. Stinkender Storchschnabel oder Stinkstorchschnabel nennt man es auch, zurecht. Blöder, wiederlich stinkender Mistkackstorchschnabel.

    Linné hat mit seiner Systematik Ordnung reingebracht und den volkstümlichen Benennungen den Garaus gemacht, aber ich spreche beim Unkraut zupfen Volksmund.

  • Ich saß im Büro, aber ich weiß nicht mehr, wie mich die Nachricht erreichte. Ich glaube, die Bilder kamen später. Als klar war, dass es sich nicht um einen Unfall handelt, bekam ich Panik. Ich fragte mich, ob jetzt ein Weltkrieg ausbricht und das nur der Beginn ist. Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten und fuhr wie ein Irrer auf dem Rad nach Hause, weil ich bei meiner Familie sein wollte. Unsere Tochter war damals noch klein. Wenn jetzt irgend etwas passiert, will ich bei ihnen sein, dachte ich.

    Danach blieben tausend Fragen und bis heute kann ich mir nicht vorstellen, was in dem Flugzeug damals abging. Ich konnte es einfach nicht glauben. Es kamen ziemlich schnell Fragen und Zweifel auf, die durch das Internet Verbreitung fanden. Es dauerte sehr lange, bis diese Fragen hinreichend beantwortet wurden.

    Das schlimmste Bild, das mir blieb, sind die Menschen, die aus den Fenstern sprangen. Ich versuche mir dummerweise immer vorzustellen, wie ich in solchen Situationen reagieren würde. Ich bin voll mit lebensbedrohlichen Vorstellungen und Fantasien. Ich kann nicht anders, als mir das in allen Details vorstellen zu wollen. Wie sich das anfühlt, was ich tun würde.

    Ich habe mir letztens zwei Bücher besorgt: Daniel Gerlach „Die Kunst des Friedens“ und Christopher de Bellaigue „Die islamische Aufklärung“, weil ich einfach zu wenig weiß. Ich habe das Bedürfnis, mehr zu verstehen. Aus Panik und Angst wurde das Bedürfnis, zu verstehen. Ich weiß nicht, wann und ob ich die Bücher lesen werde, mein Leben ist Alltag und an meiner Situation hat sich grundsätzlich nichts geändert: Ich kümmere mich um mich und meine Familie.

  • Bonobo

    So richtig aufmerksam auf Bonobo bin ich erst durch durch den spontanen Auftritt von Anna Lapwood am Ende seines Konzertes in der Royal Albert Hall. Die Geschichte und die Musik erzeugen bei mir bis heute eine Gänsehaut.

    Anna Lapwood ist Organistin und durfte in der Royal Albert Hall an der Orgel proben und studieren. Ihr Slot war nachts, weil die Halle tagsüber genutzt wurde.

    Bonobos letzte Probe vor seinem Konzert am nächsten Tag und Anna Lapwoods Beginn ihrer Proben überschnitten sich. Bobono räumte zusammen und hörte sie an der Orgel spielen. Er riefen nach oben, dass sie Toccata spielen soll, was sie tat. Spontan fragte er sie, ob sie zum letzten Stücks seines Auftritts an der Orgel spielen würde. Er drückte ihr ein paar Noten in die Hand und sie spielte am Schluss mit.

    Der Effekt muss enorm gewesen sein, weil das Publikum nicht damit gerechnet hat. Von da an hatte Anna Lapwood die Aufmerksamkeit eines völlig neuen und anderen Publikums, hat zwei Alben rausgebracht und tourte durch die Welt, unter anderem spielte sie im Kölner Dom und der Elbphilharmonie.

    Was man immer im Hinterkopf behalten sollte, wenn man denkt, dass klassische Musiker und Musikerinnen sich aus kommerzielen Gründen dem Pop öffnen: Diese Musiker und Musikerinnen sind auch nur Menschen, die sich über frenetischen Jubel und echte Begeisterung freuen. Menschen, denen das Herz bis zum Hals schlägt. Die hören nicht nur Bach im stillen Kämmerlein, sondern nehmen genau so Teil am Rest der Musikgeschichte.

    Anna Lapwood hat eine klassische Ausbildung, Bonobo hat sich alles selbst beigebracht. Beide kamen aus Leidenschaft zur Musik zusammen und haben etwas dargeboten, was die Menschen zutiefst erreichte. Darum geht es.

    Zurück zu Bonobo. Er hat jetzt ein neues Album rausgebracht, Distance in Static, was gerade zur richtigen Zeit kommt. Es ist die Art Musik, die ich gerne im Hintergrund höre, die mich aber durch Melodie und Rhythmus immer innerlich zum Tanzen bringt. Irgendwo zwischen Ambient und Dance Floor. Es gibt nicht so viele Alben, die diese Melodik und diesen Zug durchgängig haben. Tourists „Inside Out“ ist so ein Album, das ich immer wieder von vorne bis hinten hören kann, ohne dass es mir langweilig wird.

    Distance in Static hat ein paar Balladen, Songs mit Gastsängerinnen. Das bringt eine schöne Abwechslung mit rein.

    Sehr schönes, neues Album, das passend zum Übergang vom Sommer zum Herbst kommt und mich auf die dunkleren und kälteren Tage vorbereitet. Noch ein bisschen Wärme mitnehmen.