„Wo drei Flüsse sich kreuzen“ ist ein weiteres Buch, das ich wegen seines Stils und seines Themas gelesen habe, um für mein Schreiben in Ironsworn zu lernen. Ich wollte eine historisch realitätsnahe Geschichte lesen, die aus einer persönlichen Perspektive geschrieben ist.
Hannah Kent erzählt die reale Geschichte dreier Frauen, die in Irland um 1826 ein Kind ertränkten, von dem sie glaubten, es sei ein Wechselbalg, also ein von Feen vertauschtes Kind. Die drei Frauen waren eine Heilerin namens Anne Roche, die Großmutter des Kindes, die es allein aufzog, und ihre Magd, die sich um das Kind kümmerte.
Anne Roche wies die beiden anderen Frauen an, den vierjährigen, sprach- und gehunfähigen Michael Leahy an drei aufeinanderfolgenden Morgen im Fluss Flesk zu baden. Beim dritten Mal haben sie ihn zu lange untergetaucht und er ertrank. Roche schwor vor Gericht, sie habe nur versucht, die Fee aus ihm auszutreiben. Sie wurde freigesprochen. (Quelle)
Im Original heißt das Buch „The Good People“, eine wohlmeinende Bezeichnung für Feen. Feen leben dem Glauben zufolge nach eigenen Regeln und Gesetzen, sie kennen kein Gut und Böse, und aus Angst vor ihnen versuchten die Menschen, sie wohl zu stimmen.
In der von Armut geprägten Landbevölkerung mischte sich der Feen-Aberglaube mit Katholizismus, immer in der Hoffnung, gesund durch das Leben zu kommen.
Hannah Kent bringt alle Elemente, die man kennen muss, zusammen, um den Fall als Ganzes zu verstehen, von Geburt bis Tod, von Leben bis Überleben. Sie beschreibt die sozialen Verhältnisse, Heilkunde und Glauben, der immer an Hoffnung geknüpft sind.
Das Buch macht deutlich, wieso moderne Medizin und Christentum traditionelle Heilmethoden und Feen-Glauben nicht einfach von heute auf morgen ersetzt haben, und wahrscheinlich bleibt in Irland, Island und anderen Regionen immer eine gewisse Mischform bestehen.
Sie schreibt so sinnlich, körperlich und realistisch, dass man ein plastisches Bild vom Leben und von den Gedanken, den Sorgen und Ängsten, der Welt zu der Zeit an dem Ort bekommt.

Oiuuuh … also … sinnlich, körperliche und. realistische Prosa in alle. Ehren, aber … in Kombination mit Kinder ertränken … also … ich für meine. Teil kann sowas ja wiiirklich nicht mehr gut ab. Tritt das eher in den Hintergrund, oder ist das für Dich ein Teil der Qualität des Buches?
Schwierig, das in wenige Worte zufassen. Die Qualität des Buches besteht darin, so etwas Unvorstellbares in die Vorstellung zu holen, und das geht nicht über Abstrakta. Hannah Kent gelingt es, die Fragen und die Hilflosigkeit genau herauszuarbeiten: Was hat das Kind? Wie kann man es heilen? Was ist das Kind? Warum stirbt jemand, warum lebt jemand anders? Warum passiert das mir? Warum bekomme ich keine Kinder und eine andere fünf?
Die Frau(en) wurde(n) ja freigesprochen, von einem Gericht, das eigentlich das Hängen als Todesstrafe für Kindstötung vorsah, und auch das arbeitet sie gut heraus. Der moralische Anker ist die Magd, und die ist wirklich toll erzählt. Eine großartig erzählte Nebenfigur, die eigentlich eine Hauptfigur ist.
In dem Buch wird keine Diagnose benannt, weil es die ja nie gab, aber das Wort Kretin wird erwähnt, das macht die Sache vielleicht etwas klarer, wenn man über Kretinismus (ein Jodmangelsyndrom) bei Wikipedia nachliest. Der Arzt Jakob Guggenbühl beschreibt die Lebensbedingungen, die er vorfindet:
„Kein frisches Lüftchen durchstreicht die Gemächer, der gräßlichste Gestank ist den Leuten ein wahrer Lebensbalsam; kein Sonnenstrahl kann sie erleuchten, da die ohnedies kleinen Fenster vor Schmutz ganz undurchsichtig und obendrein meist mit Papier verklebt sind. Die Stuben sind so feucht, daß Cryptogamen an den Wänden gedeihn, dazu mit unsaubern Kleidern und was sonst noch stinkt behangen, so daß ein Gifthauch den Raum erfüllt, der mich […] mehrfach zum Erbrechen reizte. […] Nach der Geburt werden die Kinder in die Wiege eingebunden, bleiben Tage lang auf ihrem Unflath liegen; in eine Kammer eingeschlossen, ganz isolirt und sich selbst überlassen, bis die Arbeit vollbracht ist.“
Es geht auf keinen Fall darum, sich am Ekel zu ergötzen oder an Grausamkeiten. Genau das Gegenteil. Die präzise körperlich-sinnliche Sprache ist notwendig.