Die Tochter der Wälder – Juliet Marillier

Ich habe meine Leseliste unterbrochen und brauche ein paar Inspirationen für meine Ironsworn-Welt, die ich etwas realistischer, sinnlicher, haptischer beschreiben will.

Die Tochter der Wälder hat mich sehr beeindruckt, weil es Märchen- und Fabelwelt mit einer real wirkenden Geschichte verbindet, die stilistisch gut beschrieben ist, aus dem Blickwinkel der Hauptfigur.

Sorcha wächst mit ihren sechs Brüdern in einem Irland auf, das durch Konflikte zwischen gälischen Königreichen, Briten und Pikten geprägt ist. Sorcha ist Heilerin, die sich mit Pflanzen und dem menschlichen Körper auskennt, aber weil sie ein Kind ist, vieles noch nicht versteht. Sie ist eine genaue und sorgfältige Beobachterin, der es um das Wohl des Körpers geht, sich aber eben genau so gut mit allen Formen körperlicher Verletzung auskennt. Ihre Geschichte ist eine Neuerzählung eines Märchens, das man vielleicht als Die sechs Schwäne kennt, angereichert mit realistischen und romantischen Elementen. Marillier erzählt sinnlich und detailgenau. Sorcha muss, nach Weisung der Herrin des Waldes, ihren zu Schwänen verwandelten Brüdern Hemden aus Mieren weben. Als besondere Erschwernis darf sie niemandem davon erzählen, sie muss schweigend dieser Verpflichtung nachkommen. Die leidvolle Realität und die Unberechenbarkeit der Welt und der Ereignisse werden literarisch romantisch eingebettet, aber nie verklärend. Das Leid, das ihr widerfährt wird durch andere gerächt. Sie ist auf andere angewiesen wie auch andere auf sie angewiesen sind. Es gibt zwar magische Verbindungen, aber die alleine sind keine Rettung. Es bleiben Spuren, verpasste Momente, Situationen, in denen man nicht überall gleichzeitig sein konnte. Nichts wird verklärt und vieles muss unerfüllt stehen bleiben.

Da die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt wird, muss sie praktisch ohne Dialoge, an denen sie beteiligt ist, auskommen. Zusätzlich ist sie ein Kind, das genau beobachtet, wahrnimmt und beschreibt und tut, was getan werden muss. Diese Beschränkung ist eine Stärke der Erzählung. Es ist beeindruckend, wie es Marillier gelingt, die kindliche Sichtweise niemals naiv wirken zu lassen, sondern präzise, und wie es ihr gelingt, Sorcha als eine der stärksten Figuren in der Geschichte herauszuarbeiten, weil sie hartnäckig ihr Ziel verfolgt, sich selbst treu bleibt und zu keiner Zeit vereinnahmen lässt.

Juliet Marillier kennt sich mit Sagen und Märchen aus, ist Sängerin und Chorleiterin und Mitglied eines neopaganen Ordens OBOD (Orden der Barden, Ovaten und Druiden).

Davon abgesehen, dass ich von dem Buch viel lernen kann, fand ich es sehr gut zu lesen. Juliet Marillier zeigt, dass sich Realität und Fantasiewelt in einer Geschichte nicht widersprechen müssen. Eines der rundesten und intensivsten Fantasy-Bücher, das ich gelesen habe.

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