Gestern meinte A. zu mir, nachdem wir seine beiden neuen Alben angehört hatten, dass wir beide Suchende seien, unser Leben lang. Er formulierte es vorsichtig und fragend. Ich sagte: „Ja, auf jeden Fall, da mache ich mir gar keine Illusionen.“
Ich denke, es ist ein lebenslanger Prozess, für sich selbst einzustehen, und für manches muss man eine Form finden, und für die gibt es nur den Ort der Kunst.
Was ich mache, ist therapeutisch, ich versuche, etwas hervorzubringen und mir zu vergegenwärtigen, was ich verdrängt habe, verdrängen musste. Etwas, für das ich einen Ort und eine Form brauche.
Erst wenn ich „die Wahrheit“ in mir hervorgebracht habe, fühle ich mich erfüllt, weil ich mich dann als Ganzes sehe und nicht nur in dem, was akzeptabel ist.
In den beiden Songs, die ich geschrieben habe, steckt drin, was ich zu sagen habe, ich erkenne mich, meine Geschichte und meine Gefühle wieder, das reicht mir, in Liedform. Ich bin damit fertig und zufrieden.
Ich weiß, was es ist, ich kann es auch mündlich erzählen, aber das ist wie in den Wind gepustet, bleibt ohne Resonanz und manifestiert sich nicht.
Er braucht für das, was er macht kein Publikum, sagt er, mehr einen Ort, einen Platz. Das sehe ich genau so, aber ich brauche Resonanz, ein Gegenüber, das mich als das sieht, was ich bin, ohne etwas dazwischen. Außerdem unterscheiden sich die Disziplinen. Manches kann man gut für sich selbst machen. Zeichnen zum Beispiel, und schreiben. Auch fotografieren. Da ist das Blatt oder der Bildschirm mein Gegenüber. Und ich habe imaginäre Verbindungen zu den Bildern und Texten anderer. Das geht auch auf Distanz. Musik und Tanz sind sozialer, das ist für mich weniger geeignet, deshalb passt das Schreiben von Songs nicht zu mir. Ich müsste eher mit Gedichten anfangen, aber das ist mir zu komprimiert. Ich will es genauer und ausführlicher. Wenn ich von mir selbst erzähle muss ich ausführlicher sein, sonst lande ich in der Pointe, im Zynismus, im Lakonischen, was halt gut ankommt und unterhaltsam ist. Meine Geschichte stößt Menschen ab. Deshalb gibt es Seelsorger, das sind Menschen, die nicht wegglaufen, wenn man ihnen von sich erzählt. In dem kleinen Kreis meiner sehr alten engen Freunde sind wir uns gegenseitig in der einen oder anderen Art Seelsorger. Ein seltsames Netzwerk, weil es keine homogene Gruppe ist, denn jeder hat andere Freunde und die Überscheidungen sind dynamisch, es gibt keine gemeinsame Schnittmenge. Dieses Netzwerk selbst die fortgesetzte, nie abgeschlossene Form des Suchens. Deshalb wird man am Ende seines Lebens nicht sein Werk um sich herum versammelt sehen, sondern seine Freunde, Menschen, mit denen man sein Herz geteilt hat, auch wenn jeder auf seine Weise sein Herz geöffnet hat.
Meine Suche geht weiter, deshalb schreibe ich gerade. Ich entdecke mich selbst beim Schreiben.
Als ich mich von A. verabschiede, sagt er, dass er es ja toll findet, dass ich das Schreiben für mich entdecke, aber ob ich nicht doch nochmal einen Song schreiben will. Ich musste lachen. Mal sehen. Jetzt muss meine Hauptfigur erst einmal den Wolf-Geist erlösen.