Ein Raum für Geschichten

Beim Lesen der so unterschiedlichen Romane, die jedoch Gemeinsamkeiten aufweisen, habe ich drei verbindende Fragen gehabt:

  • Wie verhält es sich mit Macht und Gewalt?
  • Was ist der soziale Kitt?
  • Wie fühlen sich die Personen (darin, miteinander)?

Nehme ich noch ein Grundelement des Erzählens hinzu, die Zeit, dann habe ich ein ganz brauchbares Modell, um Erzählungen zu vergleichen.

Zeit

Zeit ist ein Element der Erzählung. Pointen, Spannungskurven, Rückblicke, Kapitel, alles, was eine Erzählung ausmacht, beruht auf zeitlichen Abläufen. Timing. „Hundert Jahre Einsamkeit“ springt zeitlich hin und her, „Freie Geister“ lässt zwei Zeitlinien gegeneinander laufen, „Haus ohne Halt“ hat keine Uhren und keinen Kalender, die Natur gibt den Ablauf vor. Es ist deshalb nicht zeitlos, nur eben erlebt und nicht gemessen. „Sternenschöpfer“ erzählt Zeit in kosmologischer Dimension. In „1984“ schreibt Winston in sein Tagebuch ein Datum, dem er selbst nicht traut, weil nur Erinnerung Zeit definiert. Der Roman selbst ist mit einer Jahreszahl betitelt, für Leser datiert, die Figuren zweifeln an der Zeit.

Macht, Gewalt, Hierarchie

Wer bewirkt eigentlich was? Wer setzt was in Gang und mit welchem Recht? Es gibt Naturgewalt, Gewalt unter Menschen, subtile Gewalt. Es gibt hierarchische Strukturen, die einem ungefragt einen Platz zuweisen wollen und Diskussionen darüber, Ausbrüche, Ausflüchte, Befreiungen.

Sozialer Kitt

Das Soziale, die Beziehungen und was einen verbindet: Familie, Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit, Gehorsam, Isolation, Verbannung, Fortgang, Flucht. Bindungen können tragen, Bindungen können fesseln, man kann nicht voneinander loskommen oder begegnet sich immer wieder und stellt fest, dass man sich voneinander entfernt hat. Eine Liebe erfüllt sich in hohem Alter. Nach Jahren stellt sich der andere als ein vollkommen anderer Mensch heraus.

Das Modell verortet die Figur in einem Lebensraum, es beschreibt Umwelt und Umgebung. Das ist der Blick von außen. Es zeigt, wo eine Figur steht: wie viel Macht über ihr liegt, wie fest sie gebunden ist, an welchem Punkt ihrer Zeit. Macht, Kitt und Zeit spannen den Raum auf.

Aber eine Karte zeigt nur, wo man ist, nicht, wie es ist, dort zu sein. Das ist die eigentliche Frage der Literatur: Wie fühlt sich die Figur in diesem Raum? Das Fühlen ist keine vierte Achse. Es ist das, wonach in den dreien gefragt wird.

In „Haus ohne Halt“ gibt es keine Hierarchie, Macht oder Gewalt außer der Naturgewalt. Der Roman bewegt sich auf der Ebene der sozialen Beziehungen.

Selbst „Sternenschöpfer“ erzählt über Sinne, Sexualität und Gefühle, allerdings einer gesamten Spezies. Es fragt nicht, wie sich ein Individuum fühlt, sondern die gesamte Spezies in einem kosmologischen Modell.

In „1984“ ist Liebe unter höchster äußerer Macht und Gewalt ein revolutionärer Akt.

„Hundert Jahre Einsamkeit“ nimmt den gesamten Raum ein und lässt Zeit zeitlos universell erscheinen, nur anhand von Altern und geistigen Veränderungen in allen Extremen zu erkennen.

In „Freie Geister“ lotet Le Guin die Grenzen der Koordinaten aus.

Die Position(en) und die Bewegung der Figur in diesem Raum machen eine Erzählung erst spannend oder interessant.

2 Kommentare zu „Ein Raum für Geschichten"

  1. Interessante Frage für „Digital Humanities“, vor allem die vergleichende Perspektive.

    Hinzu käme, dass sich „Macht“ und „Sozialer Kitt“ verändern *können* und sich die Achse Zeit *auf jeden Fall* verändert. Deine Darstellung als Punkt im Koordinatensystem, scheint mir, ist eine Momentaufnahme. Um die Handlung einer Geschichte für eine Figur nachzeichnen zu können, braucht es aber eine Linie, also eine Reihung von Messpunkten. So kann man Aufstieg, Fall und Stagnation „ablesen“.

    Solchermaßen analysiert könnte man dann zwei oder mehr Darstellungen übereinander legen und bspw. das Verhältnis von Protagonist und Antagonist visualisieren.

    (Gute Idee. Netter Anstoß.)

    1. Ja, genau so war das gedacht. Der Punkt ist nur eine Momentaufnahme einer Figur.

      Für mich ist es ganz hilfreich, um mir ein Bild davon zu machen, wo und wie eine Figur in einem System agiert und interagiert. So würden sich Punkte, die verbunden sind, und Netzwerke ergeben.

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