Wohngemeinschaft

Seit Anfang des Jah­res „arbei­te“ ich mit einer Grup­pe gedank­li­cher Figu­ren, die bis­her von mir nur cha­rak­te­ri­siert wur­den, aber erst nach und nach mit­ein­an­der spra­chen und agier­ten. Wie beim Socken­pup­pen­prin­zip. Stell­ver­tre­ter für unter­schied­li­che Sicht­wei­sen.

Ich bewun­de­re ja Autoren und Autorin­nen, die Figu­ren Leben ein­hau­chen und sie mit­ein­an­der in nach­voll­zieh­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen inter­agie­ren las­sen. Man fragt dann ja immer, wie viel von den Figu­ren in den Autoren steckt. Aber das ist ein ande­res The­ma.

Beim Schrei­ben fiel mir auf, dass ich mich mehr und mehr an For­ma­ten ori­en­tier­te, die es heu­te so nicht mehr gibt, näm­lich Fern­seh­se­ri­en, die in WGs und Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern spiel­ten. Ich bin in einer Woh­nung in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus auf­ge­wach­sen. Das war also mei­ne Welt.

Ich kram­te in mei­nem Gedächt­nis und erin­ner­te mich an Gol­de­ner Sonn­tag, Die Vier aus der Zwi­schen­zeit, Ein Herz und eine See­le, Lin­den­stra­ße. Unter­schied­li­che Gene­ra­tio­nen und Ansich­ten auf einen Hau­fen, woh­nend, lebend, in echt. Also nicht Dorf und Fami­lie, son­dern Wohn­ge­mein­schaft. Wolf­gang Men­ges Ein Herz und eine See­le ist ja auch viel­mehr eine Inter­es­sens­ge­mein­schaft extrem unter­schied­li­cher Men­schen gewe­sen, da ging es um The­men, Inhal­te und Ver­hal­ten, also kei­ne klas­si­sche oder roman­ti­sie­ren­de Fami­li­en­se­rie. Fami­li­en- oder Dorf­ro­man­tik wur­de in Fra­ge gestellt. Auch im Hin­blick auf die Fra­ge, was für Dyna­mi­ken da ablau­fen oder wer das Sagen hat. Und es gab kein eska­lie­ren­des Extrem­ver­hal­ten, der All­tag war ein­fach nicht radi­kal oder hoch­dra­ma­tisch. Des­halb gilt für mich auch gera­de: Back to my roots.

Damit löse ich auch den Blick etwas von vor­lau­ten Men­schen hin zu denen, die still sind, denen man mal zuhö­ren muss, das nimmt Laut­stär­ke und Geschwin­dig­keit aus dem Geschrei oder auch gehalts­ar­men Ergüs­sen.

Ich habe also eine neue gedank­li­che WG gegrün­det und habe völ­lig frei und hem­mungs­los Figu­ren erfun­den und sie mit­ein­an­der agie­ren und unter­hal­ten las­sen. Ich kann dabei die Figu­ren gestal­ten, wie ich will, ich darf ihnen Eigen­schaf­ten geben, die mir gefal­len. So geht Schrei­ben, dach­te ich; kein Beschrei­ben, son­dern Schrei­ben. Ich habe ein Blog auf­ge­setzt und jeder Bei­trag ist ein Text zu einer Per­son, über­schrie­ben mit dem jewei­li­gen Namen. Das funk­tio­niert sehr gut. Höchst­per­sön­lich, höchst pri­vat. So wird mein Den­ken wie­der leben­di­ger.

Das macht irre Spaß und ist enorm befrie­di­gend. Eine Art von „Von-mir-Schrei­ben“, dass sich sehr gut und vor allem umfas­send anfühlt.

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