Zehn Jahre ins Internet schreiben

Ich schrei­be seit fast zehn Jah­ren ins Inter­net. Zur Geburt unse­rer ers­ten Toch­ter habe ich ange­fan­gen und Tages­ge­schich­ten geschrie­ben, um die Ver­wand­ten auf dem Lau­fen­den zu hal­ten und zur Erin­ne­rung. Vom 1. Dezem­ber 2002 bis 30. August 2005.

Da ich also Ende des Jah­res Zehn­jäh­ri­ges haben wer­de, las ich heu­te noch mal in den alten Ein­trä­gen. Hier ein paar Auzü­ge:

Sams­tag, 14. Dezem­ber 2002

Ges­tern habe ich Pau­la nur ein­ein­halb Stun­den gese­hen. Ich woll­te eigent­lich Kaf­fe kochen, aufs Klo gehen, mich umzie­hen, die Lasa­gne in Ofen schie­ben, ein Geschenk ein­pa­cken … Pau­la, du hast doch gera­de geges­sen bzw. getrun­ken. Bist du gar nicht müde? Kann ich jetzt viel­leicht auch mal selbst …? Nein? Du willst auf jeden Fall rum­ge­tra­gen wer­den? Na, gut. Ah, da ist ja die Mama. Ich muss dann jetzt auch wie­der los. Tschüss. Das ist ein Tag, nach dem man das Gefühl hat, vie­les nach­ho­len zu müs­sen.

Heu­te mor­gen habe ich sodann ihren Lieb­lings­pul­li ange­zo­gen. Den wei­ßen mit dem Steh­kra­gen. Dar­in sieht sie aus wie ein arro­gan­ter Art-Direc­tor, der lie­ber weiß statt schwarz trägt (was sei­ne Arro­ganz noch beson­ders unter­streicht). Es ist wohl eher mein Lieb­lings­pul­li. Aber sie beklagt sich nicht. Nur das Anzie­hen dau­ert ziem­lich lan­ge. Man braucht etwa eine hal­be Stun­de, bis man alle Kör­per­tei­le in ihm zurecht­ge­rückt hat und er nicht mehr wie eine Zwangs­ja­cke ihre Extre­mi­tä­ten um sie rum fixiert. Hal­lo, wo ist denn das Ärm­chen? Ach, daaa ist es (wie kommt es denn da hin? Und wie krie­gen wir’s jetzt wie­der da rum?).

Ich habe mir eine Dau­nen­wes­te in XXL besorgt. Dann kann ich Pau­la ins Tra­ge­tuch neh­men und drum­rum die Wes­te anzie­hen. Das ist sehr prak­tisch. Wir bei­de sind dann gewärmt und ich habe größt­mög­li­che Arm­frei­heit. Natür­lich sehe ich damit total bekloppt aus. Das klei­ne Mäd­chen heu­te mor­gen im Gemü­se­la­den tat dann sogleich Wahr­heit kund: Kuck mal Mama, der Mann hat einen ganz dicken Bauch! Mhm, willst du mal kucken, was da drin ist? Naja, drin lag die schla­fen­de Pau­la und das Mäd­chen schau­te etwas ver­wirrt vor sich hin. Viel­leicht hät­te ich ihr ein­fach erzäh­len sol­len, dass da Wacker­stei­ne drin sind. Das hät­te sie wahr­schein­lich nicht so ver­wirrt.

Sams­tag, 15. Febru­ar 2003

Nichts pas­siert natür­lich. Ich den­ke oft, wie schnell man die Ent­wick­lung sei­nes Kin­des beein­flusst und in bestimm­te Bah­nen lenkt. Pau­la wird wohl zur zukünf­ti­gen „Gene­ra­ti­on Unter­hal­tung“ gehö­ren. Unter­halt mich! … Jeden Tag um 20.00 Uhr will Pau­la unter­hal­ten wer­den. Dann will Sie rum­ge­tra­gen, rum­ge­ho­ben, geknud­delt, gewir­belt und gewi­ckelt, geschun­kelt und bequas­selt wer­den. Und dann hat Sie viel Spaß und erzählt und lacht. Trotz­dem möch­te ich mir dabei lie­ber nicht zuse­hen. Na, was macht der Papa fürn Quatsch mit dir? fragt Karin dann Pau­la. Ja, was mach ich da fürn Quatsch eigent­lich? Und dann ist Sie müde und will schla­fen. Zum Glück. Denn dann fängt mein Fei­ara­bend an, der zeit­lich lei­der mit dem Zu-Bett-Gehn zusam­men­fällt.

Heu­te waren wir auf einem Floh­markt für Kin­der­wa­re. Anschlie­ßend spa­zier­ten wir in klir­ren­der Käl­te durch Berg und Tal mit dem Ziel, sich bei Speis und Trank die Fin­ger wie­der zu wär­men. Wahr­schein­lich bil­de ich es mir nur ein, aber ich hat­te den Ein­druck, dass die jun­ge Frau am Neben­tisch ihrem jun­gen Freund häu­fi­ger als nötig über die Hand strei­chel­te und gut zusprach: Siehst, du?! Sind Babys nicht süß?! (Wir saßen zu sechst am Tisch: zwei Säug­lin­ge und vier Erwach­se­ne, die sich über Win­deln, Ver­dau­ung und die Ent­wick­lung der Spra­che bei Kin­dern unter­hiel­ten). Ich sah die Panik in sei­nen Augen. Ich sah sei­ne schlimms­ten Befürch­tun­gen in sein Gesicht geschrie­ben. Im Moment lie­gen die bei­den bestimmt im Bett und sie setzt alle Hebel in Bewe­gung um ihn zum Bei­schlaf zu bewe­gen. Er weiß natür­lich genau, was sie vor­hat und den Rest kann man sich den­ken. Nichts pas­siert natür­lich.

Mon­tag, 21. Juli 2003

Es gibt nichts, das groß­ar­ti­ger ist: Am Nach­mit­tag sei­ne lachen­de und zap­peln­de Toch­ter in die Luft heben. Die­ser Mensch, der sich nichts als freut. Erwach­se­ne haben sich das Freu­en mit dem gan­zen Kör­per abge­wöhnt. Das ein­zi­ge, was wir noch erle­ben, ist ein war­mer Schau­er, der über den Rücken läuft.

Und, freust Du dich? Joa. Nö, doch. Ist wirk­lich … naja ist also echt gut. Nö, ich find’s klas­se. Mhm, doch. Ich freu mich. Echt. Ne, wirk­lich. Ist echt schön.

Wenn ich Pau­la erle­be, füh­le ich mich immer etwas alt. Man­che nen­nen das erwach­sen sein. Und mei­nen doch nur faul, freud­los und lang­wei­lig. Ich geh jetzt vor lau­ter Freu­de durch die Woh­nung zap­peln.

Sonn­tag, 09. Novem­ber 2003

Pau­la ist einen Schritt wei­ter. Genau einen Schritt kann Sie machen. Einer klei­ner Schritt für ande­re, ein rie­sen­gro­ßer für Sie.

Dem­nächst wird Sie ein Jahr alt und wir pla­nen ein rau­schen­des Fest mit Din­kel­toast und Fen­chel­tee. Wir wol­len Sie früh mor­gens über­ra­schen. Um Punkt Sie­ben kommt eine Blas­ka­pel­le in Ihr Zim­mer und spielt „Young Hearts Run Free“ von Can­die Sta­ton. Dann ent­zün­det ein Clown ein gigan­ti­sches Feu­er­werk im Nach­bar­ort, das wir uns von einer Mont­gol­fie­re aus anschau­en wer­den. Anschlie­ßend über­reicht der Chi­ne­si­sche Staats­zir­kus Ihr ein Bob­by Car in Form des legen­dä­ren Sil­ver Shadows. Viel­leicht gehen wir aber auch nur spa­zie­ren.

Frei­tag, 18. März 2005

„Ver­än­de­rung beginnt im Kopf“ stand letz­tens im Lokal­blätt­chen. Nein, Ver­än­de­rung beginnt nicht im, son­dern am Kopf: Die Haa­re wer­den Grau, die Haut wird blass und das Bin­de­ge­we­be hält auch nicht mehr das, was es mal ver­sprach. Wird Zeit, dass es Som­mer wird. Früh­ling ist auf jeden Fall seit zwei Tagen da. Hal­lo! Herr­lich, letz­tes Wochen­en­de saßen wir noch auf dem Schlit­ten, heu­te lau­fen wir im T‑Shirt durch den Zoo. Ja, wir waren wie­der seit lan­ger Zeit im Zoo. Einer mei­ner Lie­bings­or­te, weil Pau­la da unge­hin­dert rum­lau­fen kann. Es fehlt in die­ser Stadt ein Park. Nach dem Zoo waren wir im Bota­ni­schen Gar­ten. Auch ein belieb­ter Ort zum Spa­zie­ren­ge­hen. Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis von Kul­tur und Natur, von Mensch und Pflan­ze, von anor­ga­nisch und orga­nisch, all das, was eine gute Dyna­mik aus­macht: lau­ter Fra­gen und kei­ne Lösung, ich lie­be das. Ein Hap­pe­ning, Ein Rea­dy­ma­de, Ein Object trou­vé. Kunst­his­to­ri­ker holen gera­de tief Luft und legen sich im Geis­te die Wor­te zurecht … behal­tet sie für euch und genießt. Pau­la hat übri­gens selbst gebe­ten dort hin zu gehen.

Einer unse­rer Kose­na­men für Pau­la ist „Eigen­sinn“. „Du Eigen­sinn“ sagen wir, wenn sämt­li­che Veru­su­che schei­tern, Ihr etwas aus­zu­re­den. Vie­le Voka­beln der Beein­flus­sung von Kin­dern durch Erwach­se­ne sind erschre­ckend häss­lich. Vor wun­der­schö­nen Voka­beln wer­den Prä­fi­xe dran­ge­hängt, die das Wort ver­un­stal­ten: ab-brin­gen, aus-reden, ab-hal­ten. So war Sie heu­te nicht davon abzu­hal­ten, in unse­rem Bett zu schla­fen. Schon im Auto ver­kün­de­te Sie: Pau­la Mamas Bett schla­fen, nicht klei­nes Bett, Angst. Wovor hast Du denn Angst , bla­bla­bla, brauchst doch kei­ne Angst haben, bla­bla­bla. Pau­la will nicht dis­ku­tie­ren oder Ihr Herz aus­schüt­ten, son­dern in unse­rem Bett schla­fen. Als ich Sie dann in Ihr Bett brach­te (Hat Sie bestimmt ver­ges­sen, das mit unse­rem Bett), ver­lief auch alles nor­mal, bis ich Sie hin­leg­te. Dann ist ein­fach klar: Ist nicht. Pau­la will raus oder ins gro­ße Bett. Wer Pau­la kennt, tut in die­sem Fall, was Sie sagt. Nun liegt Sie in unse­rem Bett und ist freu­dig und glück­lich ein­ge­schla­fen. Das ist auch aus­nahms­wei­se kein Pro­blem, weil Karin gar nicht da ist.

Danach ent­deck­te ich das Blog­gen, foto­blog­te und blog­te mit allem, was mir zwi­schen die Fin­ger kam. Um das Schrei­ben ging es mir gar nicht mehr so und manch­mal dien­ten mei­ne Ein­trä­ge nur dazu, etwas span­nen­der zu sein als Blind­text.

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