Ich weiß nicht, wieso ich erst gestern auf die Idee kam, meine Lebensjahre und mein Alter in zwei parallelen Spalten nebeneinander zu stellen.
Ich weiß, dass ich enorme Lücken habe, was meine Timeline (Lebenszeitleiste) angeht und immer im Kopf hatte, Zahlen und Ereignisse aufzuschreiben. Wenn ich groß bin, wenn ich alt bin, wenn mir mal langweilig ist.
Bereits diese zwei Spalten reichten, um mir die Augen zu öffnen: Wie jung ich war, als ich Bowie hörte! Wie alt ich war als ich Techno hörte! Wie jung ich war, als ich regelmäßig ins Kino ging! Aktuelle Musik ist ein gutes Element, um Erinnerungen wachzurufen und einzuordnen, weil Alben und Singles exakt datiert sind und ein einziges Lied viel erinnern kann. Bücher und Filme sind schon nicht mehr so einfach. Bei Büchern hätte man sofort die Erstauflage kaufen und lesen und behalten müssen, Filme nur als Sneak Preview sehen.
Tagebuch führen ist auch gut, aber so etwas macht man kaum noch. Blogs sind etwas anderes.
Tatsächlich liefern Album-Releases eine wichtige Organisationsstruktur, die mein Leben erinnernd zusammenhalten. Alles andere erinnere ich ungefähr, Hesse ungefähr mit 17, Buñuel mit 19, Arbeitsweg nach Frankfurt gependelt etwa 35, Einschulung der Tochter steinalt, letzter Clubbesuch vor einem halben Jahr, gefühlte 25 u.s.w.
Mit dem Wegfall der prägenden Alben-Veröffentlichungen ist ein Stück Historie weggefallen.
Jeder Mensch kann mittels Biografie beschrieben werden aber in Wirklichkeit sind wir Lebenskünstler. Man hält das für so selbstverständlich, dass man eine (sic!) Biografie hat und für so besonders, dass jemand ein Lebenskünstler ist; der Lebenslauf kann jedoch auf unendlich viele unterschiedliche Weisen beschrieben werden, und der eigentliche Prozess ist eine dynamische Interaktion, bei der das Gehirn in jeder Sekunde kreativ ist.
Jeder Mensch ist ein Lebenskünstler.
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