Es geht um Macht, Hierarchie, Gewalt und dem Wert einer körperlichen Überlegenheit. Weil überdurchschnittlich viele Männer diese Plätze besetzten und das Rollenbild formen, bekommen Macht, Hierarchie, Gewalt und körperliche Überlegenheit die Eigenschaft „männlich“ zugeschrieben.
Gewalt geht nicht vornehmlich von Männern aus, weil sie Männer sind, sondern weil sie die Rolle einnehmen, den Platz besetzen.
Männer lieben das Sanfte und sind unwiderstehliche Romantiker, Frauen lieben das Sanfte und sind unwiderstehliche Romantikerinnen. Nichts davon hat die Eigenschaft, männlich oder weiblich zu sein.
Wenn Frauen diese Plätze besetzen, sind die Formen vielleicht etwas anders, aber an in ihrem geschlechtslosen Kern ändert sich nicht viel.
Es gibt den Umkleideraum als Ort, an dem das Kammerspiel sozialer Hierarchie ausgehandelt wird, Zeit und Raum sind extrem komprimiert, hier muss man sich entblößen, nackt machen, zeigen. In keinem der Räume werden die Beteiligten sich gerne lange aufhalten wollten. Ballettschulen sind das Pendant zum Locker Room der Männer. Allein das zeigt die Ambivalenz „weiblicher“ Ästhetik, Hierarchien und Sozialformen. Wer formt im Ballett den weiblichen Körper? Männer und Frauen zugleich, Männer, die es vorgeschrieben haben, Frauen, die es angenommen haben. Selbst die weiblichste Form wird regiert. Die Formen unterscheiden sich, der Druck nicht unbedingt.
Nein, es bringt nichts, Verhältnisse umzukehren. Wir müssen uns über den Ausgleich und die Dynamik erzählen, die Ambivalenz, die Doppelbödigkeit, das Subtile erzählen, uns darin erkennen, dem anderen zuhören und austauschen und versuchen zusammenzufinden.
Das ist der Punkt: Es ändert sich nichts, wenn sich nichts daran ändern, wie wir Macht, Hierarchie, Gewalt und körperliche Überlegenheit bewerten, welchen Stellenwert wir ihm einräumen.
Und vielleicht muss man erst einmal aufhören, von feministischer Literatur oder von Frauenliteratur zu reden, als ginge es darin nur um Frauenthemen, und wir müssen aufhören so zu tun, als sei das Durchschnittsbuch von Männern geschrieben, weil man das Buch danach bewertet, wieviel Geld geflossen ist oder wie oft es sich verkauft hat.
Wenn wir uns an Zahlen und nicht an Inhalten halten, wenn wir in Messlatten denken, ändert sich gar nichts.
Wenn wir keine andere Form von Gesellschaft, dem Umgang miteinander, dem Umgang mit Werten, auch materiellen Werten, dem Wert des Anderen denken können, wird sich gar nichts ändern.
Aber bevor man hier überhaupt weiterdenkt, wäre der Vorläufer wirklich die Erzählung, eine ideale Utopie, denn in ihr würde man das erst einmal gründlich ausdenken.
Ich habe das Buch „Ecotopia“ in meiner Jugend gelesen, ich kann mich (ähnlich wie bei 1984) nicht an den Inhalt erinnert, nur, dass es bei mir den Eindruck hinterlassen hat, dass der Autor sich zumindest die Mühe gemacht hat, ein ausgewogenes Bild einer Gesellschaft zu beschreiben.
Das Grundgesetz allein und ein paar lautstarke Stimmen reichen jedenfalls nicht.
Familie und Arbeit sind die Orte des Alltags, in denen Macht Befugnisse sind, in denen Kommunikation und Austausch Mittel und Weg sind oder sein sollten. Das eignet sich halt nicht für Blockbuster oder Bestseller. Vielleicht wäre es aber auch mal ganz gut, die Erzählungen etwas zu entdramatisieren.
