Die Liste der Bücher, die ich lesen will, und zwar genau in der Reihenfolge ist keineswegs beliebig, sondern hat sich systematisch ergeben.
Die Ausgangsidee war, dass über die letzten zweihundert Jahre Umweltbedingungen, soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen die Menschen und ihr Verhältnis zur Welt verändert haben, und manche Bücher dieses Verhältnis besonders gut oder umfassend zum Ausdruck gebracht haben, und ob Claude mir da nicht eine Liste mit choronologisch-thematischen Epochen erstellen könnte.
Die grundsätzliche Frage, der grundsätzliche Kontrast ist dieser: Bücher, die versuchen, die Welt als System oder Geschichte zu begreifen, und Bücher, die zeigen, wie viel Welt im Bewusstsein des Einzelnen steckt.
Denn eines scheint mir eine echte Krankheit unserer Zeit zu sein: Ideologisierung. Auch als Nebenprodukt digitaler Kommunikation und der Algorithmen, die ausschließlich auf die Bindung von Aufmerksamkeit ausgerichtet sind.
Menschen und ihr Verhältnis zur Welt war Vorgabe und ist das übergeordnete Thema. Die Liste sieht so aus (Die Jahresangaben und die Auswahl der Bücher stammen von Claude):
19. Jahrhundert · 1808–1899
- Faust I — Johann Wolfgang von Goethe (1808)
- Stolz und Vorurteil — Jane Austen (1813)
- Frankenstein — Mary Shelley (1818)
- Moby-Dick — Herman Melville (1851)
- Madame Bovary — Gustave Flaubert (1856)
- Middlemarch — George Eliot (1871/72)
- Anna Karenina — Lew Tolstoi (1877)
- Die Brüder Karamasow — Fjodor Dostojewski (1880)
- Drei Männer im Boot — Jerome K. Jerome (1889)
- Hedda Gabler — Henrik Ibsen (1890)
- Die Zeitmaschine — H. G. Wells (1895)
- Jude der Unbekannte — Thomas Hardy (1895)
- Das Erwachen — Kate Chopin (1899)
Frühe Moderne · 1913–1937
- Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd. 1) — Marcel Proust (1913)
- Der Zauberberg — Thomas Mann (1924)
- Der Proceß — Franz Kafka (1925)
- Mrs Dalloway — Virginia Woolf (1925)
- Schöne neue Welt — Aldous Huxley (1932)
- Kleiner Mann – was nun? — Hans Fallada (1932)
- Sternschöpfer — Olaf Stapledon (1937)
Mitte des Jahrhunderts · 1942–1969
- Der Fremde — Albert Camus (1942)
- Die Pest — Albert Camus (1947)
- 1984 — George Orwell (1949)
- Das andere Geschlecht — Simone de Beauvoir (1949)
- Lobgesang auf Leibowitz — Walter M. Miller (1959)
- Die Verdammten dieser Erde — Frantz Fanon (1961)
- Das goldene Notizbuch — Doris Lessing (1962)
- Die Versteigerung von No. 49 — Thomas Pynchon (1966)
- Hundert Jahre Einsamkeit — Gabriel García Márquez (1967)
- Die linke Hand der Dunkelheit — Ursula K. Le Guin (1969)
Spätes 20. Jahrhundert · 1972–1997
- Die unsichtbaren Städte — Italo Calvino (1972)
- Freie Geister (Die Enteigneten) — Ursula K. Le Guin (1974)
- Canopus in Argos: Archive (Shikasta) — Doris Lessing (1979)
- Haus ohne Halt — Marilynne Robinson (1980)
- Neuromancer — William Gibson (1984)
- Weißes Rauschen — Don DeLillo (1985)
- Menschenkind (Beloved) — Toni Morrison (1987)
- Das Zwischengeschoss — Nicholson Baker (1988)
- Die Stadt der Blinden — José Saramago (1995)
- Der Gott der kleinen Dinge — Arundhati Roy (1997)
21. Jahrhundert · 2003–2020
- Der Klang der Zeit — Richard Powers (2003)
- Alles, was wir geben mussten — Kazuo Ishiguro (2005)
- Die Straße — Cormac McCarthy (2006)
- Die Vegetarierin — Han Kang (2007)
- Besuch von der Goon Squad — Jennifer Egan (2010)
- Die Jakobsbücher — Olga Tokarczuk (2014)
- Wetter — Jenny Offill (2020)
Konstrastlesen
Weil ich bei Lesen immer Abwechslung brauchte, habe ich Claude gebeten, mir die Bücher in Kontrastpaaren zusammenzustellen. Das Ergebnis war dieses:
- Sternschöpfer (Stapledon)
Haus ohne Halt (Robinson)
Kosmisch, zeitlos, von ganz oben gegen häuslich, intim, lyrisch; beide erzählen vom Vergehen, einmal über Äonen, einmal von der Küchenschwelle. - Freie Geister (Le Guin)
Hundert Jahre Einsamkeit (García Márquez)
Das nüchtern durchgeprüfte politische Gedankenexperiment gegen die magisch wuchernde Fülle eines Familienmythos. - 1984 (Orwell)
Stolz und Vorurteil (Austen)
Der totale Zugriff der Macht gegen die leichte Hand der Gesellschaftskomödie, Furcht gegen Witz. - Drei Männer im Boot
Das Zwischengeschoss (Baker)
Die sorglose, schweifende Flussfahrt gegen die mikroskopische Lupe auf eine Mittagspause. - Der Proceß (Kafka)
Die unsichtbaren Städte (Calvino)
Das Labyrinth, das erstickt, gegen das Labyrinth, das beflügelt; Struktur als Gefängnis und als Spiel. - Die linke Hand der Dunkelheit (Le Guin)
Menschenkind (Morrison)
Geschlecht als kühles Gedankenexperiment gegen Geschichte, die sich in den Körper eingebrannt hat. - Schöne neue Welt (Huxley)
Die Pest (Camus)
Die perfekt verwaltete Glücks-Dystopie gegen den nüchternen Anstand im blinden Unglück. - Die Vegetarierin (Han Kang)
Der Fremde (Camus)
Der Rückzug in den Körper als radikale Tat gegen den Rückzug aus jedem Gefühl. - Die Stadt der Blinden (Saramago)
Alles, was wir geben mussten (Ishiguro)
Der gewaltsame Zerfall aller Ordnung gegen das fast höfliche Sich-Fügen ins Unmenschliche. - Weißes Rauschen (DeLillo)
Mrs Dalloway (Woolf)
Das mediale Dauerrauschen der Moderne gegen die Innenstille eines einzigen Tages. - Kleiner Mann – was nun? (Fallada)
Neuromancer (Gibson)
Das ausgelieferte, sehr menschliche kleine Leben gegen die glänzende, menschenleere Hightech-Oberfläche. - Anna Karenina (Tolstoi)
Wetter (Offill)
900 Seiten gebaute Welt gegen 200 Seiten zersplitterte Gegenwart. - Frankenstein (Shelley)
Die Brüder Karamasow (Dostojewski)
Die Schuld des Schöpfers gegenüber seinem Geschöpf gegen die Schuld zwischen Vätern und Söhnen. - Die Zeitmaschine (Wells)
Middlemarch (Eliot)
Der teilnahmslose Blick auf das Ende der Gattung gegen die warme Vollständigkeit einer Provinzwelt. - Hedda Gabler (Ibsen)
Die Versteigerung von No. 49 (Pynchon)
Das hermetisch geschlossene Salondrama gegen die ausufernde Suche nach einem Sinn, der nie ankommt. - Der Gott der kleinen Dinge (Roy)
Madame Bovary (Flaubert)
Die warme, verwobene Tragödie gegen die kühl distanzierte Sektion einer Sehnsucht. - Lobgesang auf Leibowitz (Miller)
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Proust)
Zivilisation in großen Zyklen gegen ein Ich, das eine einzige Erinnerung über Bände dehnt. - Jude der Unbekannte (Hardy)
Der Klang der Zeit (Powers)
Das unausweichlich verbaute Leben gegen Musik und Gedächtnis als das, was über die Zeit hinausreicht. - Das andere Geschlecht (de Beauvoir)
Das Erwachen (Chopin)
Die analytische Diagnose der Fremdbestimmung gegen ihr intim erzähltes, einzelnes Erwachen. - Die Verdammten dieser Erde (Fanon)
Faust I (Goethe)
Die analytische Wucht der Befreiung gegen die rastlose Sehnsucht des Strebens. - Canopus in Argos: Shikasta (Lessing)
Moby-Dick (Melville)
Zwei Totalitäten: die eine greift nach dem Kosmos, die andere nach dem einen weißen Wal. - Die Jakobsbücher (Tokarczuk)
Der Zauberberg (Mann)
Die wuchernde religiöse Suche über Kontinente gegen den geschlossenen Bildungs-Kosmos auf dem Berg. - Besuch von der Goon Squad (Egan)
Die Straße (McCarthy)
Die ironische, springende Zeit-Collage gegen die ausgehöhlte Welt, in der nur das Überleben zählt.
„Und allein am Schluss: Das goldene Notizbuch (Lessing) — als ungerades 47. Buch ohne Partner, die schonungslose Selbstprüfung als offenes Ende.“
Ob ich die Bücher tatsächlich alle lese, ist natürlich eine ganz andere Frage. Ich wollte ja auch mal Spagat können.
Sehr schöne Liste mit einigen geliebten Bekannten. Auch den KI-Einsatz halte ich für spannend. Selbst wenn er maximal zufällig sein sollte: Warum nicht? Wer kann schon entscheiden, welche Bücher uns erwählen?
Mal sehen, wie weit ich komme.