Eine vollgepackte Woche von morgens bis spät abends. Jeden Tag hatte ich dreieinhalb Stunden Webinar für meine Betriebsratsarbeit. Wie in der Schule musste ich meine volle Aufmerksamkeit auf etwas lenken, was mir inhaltlich neu war.
Danach kurz essen und meine eigentliche Arbeit machen.
Ich hatte meine ersten Physiotermine. Das Therapiezentrum liegt in einem Industriegebiet, das ich nur per Rad erreichen konnte. Auf den zusätzlich Radweg hätte ich gerne verzichtet.
Mein Therapeut sagt, dass es ungefähr ein dreiviertel Jahr dauern wird, bis der Tinnitus weg ist. Er ist auf jedenfall schon deutlich besser und muskuläre Verspannung so gut wie weg. Das „Nervöse“ dauert. Und für mich ist das auch ein Langzeitprojekt, dem ich permanent Aufmerksamkeit widmen muss. Ernsthaft entspannen.
An vier Abenden hatte ich meinen Ballett- und Contemporary-Unterricht. Einige gehen bis spät in den Abend.
Es war also praktisch kaum Zeit. Wäschewaschen ist beim Tanzen ein großes Problem. Wie beim Sport generell. Nur beim Tanzen ist man froh, wenn man überhaupt was Passendes findet oder hat, weil es spezielle, angemessene Kleidung sein muss.
Essen war auch nur Nahrungsaufnahme und Zufuhr von lebensnotwendigen Stoffen.
On top kommt noch, dass ich jetzt am Wochenende jeweils drei Stunden Tanz-Workshops habe. Ballett- und Contemporary im Wechsel. Ich komme zu gar nichts und bin platt.
Bei so einer Woche streike ich normalerweise innerlich, aber insgesamt geht es ziemlich gut. Die Nüchternheit hilft mir sehr, meine Zustände einfach zu akzeptieren und schneller wieder Energie zu haben. Es gibt nicht mehr diese künstlichen Up and Downs, die ich immer für eine Charaktereigenschaft von mir hielt.
Tatsächlich bin ich cozy Buchleser, der aus Lust an seinem Körper gerne Tanz und wahnsinnig gerne Musik hört, weil Musik die Sprache meiner Emotionen ist. Für die Organisation des Ganzen gibt es Text, Zahlen und Rhythmen.
Mir ist der Gedanke gekommen, dass, wenn der Geist/das Bewusstsein/das Ego/das Ich nichtmateriell existiert, ich mir meiner selbst aber ziemlich sicher bin (nicht nur biologisch, sondern geistig), dann ist die angemessene Haltung zu mir selbst eine, die ich mit den Worten „Ich bin mir heilig“ beschreiben würde.
Ich habe immer mit dem Begriff „Liebe“ gearbeitet, aber das trifft es nicht, das ist schief. Wobei ich mit „heilig“ in meinem Fall die ursprüngliche Bedeutung meine: „Ein vollkommen Eigenes“.
Meinen Selbstwert konnte ich nie ausschließlich über das Äußerliche finden, das wurde mir nicht mitgegeben, das wurde mir sogar eher genommen. Da konnte ich mich auf nichts verlassen. Aber auf mich selbst konnte ich mich immer verlassen. Ich wache morgens auf und bin immer noch da und derselbe wie gestern.
Dieses heilige Gefühl zu mir selbst hatte ich mein ganzes Leben lang, es war ein Überlebensprinzip. Ich habe das nur nie gesehen, erkannt oder darauf vertraut.
Es ist ein Lehnwort, ich finde es aber passender als Bewusstsein, weil es eher meinem Gefühl entspricht.
Ich fand sowas immer vermessen und arrogant, aber in meinem Fall ist das die Grundlage dafür, überhaupt Grenzen zu ziehen und mich zu schützen, meinen Eigenwert überhaupt anzuerkennen. Selbst-Humanismus sozusagen. Humanismus beschäftigt sich ja immer eher mit anderen. Man muss sich ja auch immer fragen: Gehst du mit dir selbst um, so wie du von anderen erwartest, dass sie mit dir umgehen?
Schon lustig, dass die Geisteswissenschaft das Wort „Geist“ ohne mit der Wimper zu zucken verwendet, ohne genau sagen zu können, womit sie es da überhaupt zu tun hat. Astrophysik macht das konsequenter. Astrophysik nennt das Unsichtbare „dunkel“, man weiß, dass man es nicht weiß. Die Geisteswissenschaft nennt das Unsichtbare „Geist“, man tut so, als ob.
Und hier kommt das Loslassen ins Spiel, hier wird es spirituell, hier kommt das Heilige ins Spiel. Eine Form von: Ich kann es nicht wissen, ich bin mir aber ziemlich sicher. Und auch wenn ich alle Bücher der Welt gelesen habe und an allen Universitäten dieser Welt studiert habe, finde ich die Antwort auf alles nicht.
In der Sprache steckt gar nichts, wenn, dann lege ich es in meine Kommunikation und das, was dazwischen passiert, ist das Wesentliche, und das ist nicht sichtbar, beiweisbar oder sonstwas, das kann man fühlen. Ein Gefühl davon, was zwischen Menschen passiert. Was man Resonanz nennt.
Die Resonanz in Gesprächen liegt nicht in den Worten allein, aber wenn sie in den Worten erkennbar ist, ist es Poesie.