Mir mein Gehirn zum Freund zu machen ist schon lange mein Anliegen, weil Evolution mich gelehrt hat, dass es nichts Falsches gibt, wenn man die Biologie als Bezugsrahmen nimmt. So wie man versehentlich von „Unkraut“ redet, wenn bestimmte Pflanzen im Garten wachsen. Dass ich Schmeißfliegen, Mücken und Wespen nicht leiden kann und trotzdem ihren Sinn und ihre Notwendigkeit anerkennen kann, ist eine Meisterleistung meines Gehirns. Die wollen auch nur leben und sind hervorragend an ihre Umgebung angepasst.
Als ich damals Dobellis Die Kunst des klaren Denkens las, fand ich das sehr einleuchtend und erhellend. Vieles davon ist bei näherer Betrachtung aber ziemlich unschädlich, schief, aber trotzdem sinnvoll. Ich musste an die „optischen Täuschungen“ denken und die vielen anderen visuellen Wahrnehmungsverzerrungen. Kunst und Biologie haben mich nämlich gelehrt, dass diese sinnvoll sind, dass Augen und Gehirn keine Konstruktionen von Ingenieuren sind und keine technischen Messgeräte, nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie gut und angemessen angepasst sind.
Unter diesem Gesichtspunkt lohnt sich eine nähere Betrachtung der BIASe, nämlich fragen, warum das Gehirn das tut und welchen Nutzen oder Sinn das hat.
Wir sagen, wir hätten die Umwelt verändert, und deshalb sei das Gehirn nicht mehr gut angepasst. Aber von welcher Umwelt und welcher Zeit reden wir dann? Mittelalter? Rokoko? Fidschi-Inseln? New York? Wir meinen die digitale Medienwelt, nehme ich an.
Unter dem Blickwinkel, dass das Gehirn eine informationsverarbeitende Rechenmaschine sei, erscheinen Denkmuster als Berechnungsfehler. Wer so über sich und sein Gehirn denkt, hält den Computer für das bessere Gehirn und Sprache für eine Programmiersprache. Folgerichtig wäre dann ein LLM ein besseres Sprachverarbeitungssystem.
Aber unser Körper ist kein fehlerhaftes Designobjekt. Unser Körper, und damit natürlich auch unser Gehirn, ist ein an seine Umwelt angepasstes Lebewesen. Denkmuster sind optimierte Verarbeitungsmuster, die auf eine reale Umwelt ausgerichtet sind. Wer sich für eine schlecht gebaute Maschine hält, vermisst sich selbst und erkennt sich nur noch über seine Vermessungen. Das hat mit Erleben und Gefühl nichts zu tun. Unsere Füße sind auch nicht falsch, weil sie keine Räder sind.
Unser Gehirn ist nicht grandios, weil wir Arien schreiben können, sondern weil es Reize aus der Umwelt aufnehmen, Annahmen über die Welt bilden und unseren Körper im Gleichgewicht halten kann. Das ist keine besonders biologische Sichtweise, sondern eine Tatsache. Maschinenmenschen und Computerhirne sind nur Metaphern und Allegorien.
Wenn wir davon sprechen, dass unser Gehirn nicht mehr gut auf die Umwelt ausgerichtet ist, die wir geschaffen haben, weil es gar nicht die Möglichkeit hatte, so schnell darauf zu reagieren, dann ist das eine Frage der Zeit. Zeit ist ein ganz wesentlicher Faktor, den ich selbst viel zu selten bewusst und aktiv berücksichtige. Und an dieser Stelle merke ich, dass Denkmuster in Bezug auf Medien, und gerade die, die besonders schnelle Reaktionen erfordern und fördern, also praktisch alles, was auf Computerbildschirmen passiert, nicht gut ausgerichtet sind, weil dort eine völlig andere Form extrem schneller Verarbeitung vorliegt.
Das Gehirn entwickelte sich in einer Umgebung, in der Bedrohungen real und körperlich waren, soziale Ausgrenzung tatsächlich lebensgefährlich war und Informationen relevant für unser Handeln waren.
Mit einer Annahme über die Welt kann ich blitzschnell reagieren. Jetzt muss ich lernen, diese Annahmen zu überdenken. Bis vor dreißig Jahren prasselten keine weltweiten Katastrophenmeldungen stündlich und permanent auf uns ein. Zeit hatte eine andere Qualität.
Jetzt bekommt das Gehirn ständig Medieninhalte und reagiert so, als wären sie real, weil es das alleine nicht unterscheiden kann. Zumindest nicht automatisch. Im Traum, beim Erinnern, unter Drogen oder im Sterben erleben wir eine andere Art Realität, die wir miteinander in Verbindung bringen wollen, um eine koheränte Realität zu haben, nicht viele. Wir streben danach, uns als Einheit zu erleben, sonst wäre Schizophrenie nicht verrückt, was ja, per Definition, auch fraglich ist und gerade im Moment neu diskutiert wird. Schön länger werden diese Grenzen immer wieder diskutiert und neu gezogen. Aber mir geht es nicht darum, wie Gesellschaft das sieht, sondern wie man das für sich selbst empfindet. Es ist ja eben genau nicht verrückt, etwas auf sich zu beziehen, was gar nicht mit einem zu tun hat. Es ist ja gerade eine perfide Form von verbaler Gewalt, wenn ich sage: „Nimm meine Kritik an dir nicht persönlich“. Selbstverständlich ist das persönlich und was jemand dabei empfindet, ist seine Sache, nur in seiner Reaktion hat man Handlungsmöglichkeit. Eine sinnvolle: emotionslose Distanz zu dieser Person einnehmen.
Räumliche und zeitliche Distanz ist das, was man in Bezug auf die vielen Fomen von Realität braucht. Schreiben und Verbalisieren, sich bewusst machen als spontanes, geeignetes Werkzeug. Denken, reden und schreiben braucht ein Gegenüber oder eine Resonanz. Man kann sie simulieren, deshalb gibt so etwas wie unterschiedliche innere Stimmen. Schreiben kann ein innerer Dialog sein.
Ein Nachrichtenbeitrag über eine Katastrophe am anderen Ende der Welt löst dieselbe Stressreaktion aus wie eine echte persönliche Bedrohung. Aber man kann nicht handeln, man kämpft nicht und man flieht nicht. Man empfindet Stress.
Soziale Vergleiche auf Instagram aktivieren dieselben Schaltkreise wie echter sozialer Statusverlust in einer Gruppe, obwohl niemand einen wirklich ausschließt.
Empörungsinhalte im Netz treffen genau die Mechanismen, die Gruppensolidarität sichern sollten, aber jetzt in einem Kontext, der keine echte Gruppe ist.
Medien sind bewusst so gebaut, dass sie diese Mechanismen gezielt ausnutzen. Das ist das Geschäftsmodell.
Hier treffen zwei unterschiedliche Systeme aufeinander, bei denen das Computersystem das sinnvolle menschliche Denken und Verhalten zum Fehler macht.
Es gibt ja auch funktionierende Mensch-Computer-Interaktionen, zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe, in der die Kommunikation funktioniert. Auch der Mailverkehr auf der Arbeit funktioniert. Und vieles andere mehr. Ich will das nicht dramatisieren. Ich musste mir nur bewusst machen, was es bedeutet, wenn ich als Mensch auf eine sich ständig verändernde Umwelt treffe.
Ich musste mein Bemessungssystem ändern. Ich habe ganz bewusst gelernt, freundlicher zu mir selbst zu sein und mich darüber zu freuen, dass ich nicht grandios sein muss. Ich mache natürlich Fehler, aber Fehler brauchen immer ein Bezugssystem. Und wenn ich mit anderen rede, merke ich, dass vieles nicht nur Kommunikationsprobleme sind, sondern unterschiedliche Bezugssysteme, unterschiedliche Menschen- und Weltbilder. Ich kann es nur wiederholen: Verstehen und Verständnis ist ein Prozess, an dem immer zwei beteiligt sind, die es wollen müssen. Man muss nicht einer Meinung sein, aber Verständnis und Empathie sind nun mal zwei Dinge, die ein Computersystem nicht interessieren und deshalb auch immer nur über Umwege zustande kommen, sozusagen an der Programmierung vorbei. Dass wir uns Computer vermenschlichen, ist unser Vermögen. Wir müssen nur wieder unser Tempo und unser Maß finden und uns immer wieder aus dem Computer herauslösen und uns Zeit für uns und andere nehmen. Zeit ohne Computer.
Wie sinnvoll kognitive Verzerrungen sind, müssten Journalisten klar sein, denn sonst wäre ihre Aufgabe sinnlos. Wenn sie über Ungerechtigkeiten oder Missbrauch berichten, dann ist die Verallgemeinerung und das emotionale Auf-Sich-Beziehen notwendig, wenn der Text gelesen werden will. Leser wollen prüfen, was es mit ihnen zu tu hat, was sie selbst tun können, um das zu verhindern. Eine extrem sachliche Beschreibung würde als geradezu zynisch und unmenschlich distanziert gelten. Das ist die Sprache der Polizei und der Beamten. Eine eigene Sprache, die vieles verbergen kann und genau diese Art von Mechanik simuliert, die an der Realität vorbeigehen kann. Wir haben viele solcher Code-Sprachen, wie zum Beispiel die der medizinischen Diagnosen. „Ich fühle mich scheiße“. „Sie haben ja auch eine J06.9, der Nächste bitte“. Fachsprachen. Diese Distanz kann attraktiv sein, aber auch unbefriedigend. Sprache ist ein Beziehungsinstrument, das Gehirn ist ein Beziehungsinstrument.
Es ist von allen gewollt, etwas wahrzunehmen und zu ändern, zu bewegen. Daten können helfen, sein Verhältnis zu überdenken, aber geben keine Handlungsanweisung. Leben heißt, seine eigenen Risiken und Möglichkeiten einzuschätzen, und dafür ist das Gehirn ein hervorragendes Organ. Es ist kein Messinstrument und deshalb nicht falsch, sondern genau richtig.
Daran Gefallen zu finden, wie Data rumzulaufen oder wie Spok mag attraktiv oder amüsant wirken, ist es aber nicht.
