Kein Griesgram werden

In Büchern und Fil­men läuft es so ab: Ein Mann mit Geld und rela­tiv hoher sozia­ler Stel­lung (was ja ein­an­der bedingt) lebt als Zyni­ker in einer Groß­stadt, merkt, dass ihm freund­li­che Bezie­hun­gen feh­len, fährt irgend­wo­hin in die Pam­pa, wo Men­schen freund­lich und skur­ril sind, ein pral­les Sozi­al­le­ben füh­ren und mit weni­ger aus­kom­men, und ver­än­dert nach und nach sei­ne Umgangs­for­men und Welt­sicht und lernt, ein freund­li­cher Mensch zu sein.

Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier etc.

Der klei­ne Bru­der des Zynis­mus ist die Süf­fi­sanz, das klei­ne Ins-Fäust­chen-Lachen, das der Spot­ten­de für geist­reich hält, welt­ge­wandt und klar­sich­tig, ein poin­tier­ter Den­ker, der kom­pli­zier­te Ver­hält­nis­se auf den Punkt bringt und sich selbst an die Spit­ze der mensch­li­chen Ent­wick­lung setzt.

Ich fin­de es immer wie­der erstaun­lich, wie attrak­tiv, gesell­schafts­fä­hig und vor­der­grün­dig freund­lich Gehäs­sig­keit sein kann.

Ich rede nicht von Men­schen in der Öffent­lich­keit, die inter­es­sie­ren mich nicht und berei­ten mir kei­ne per­sön­li­chen Sor­gen, nein, ich mei­ne Men­schen, mit denen ich zu tun habe. Mich inter­es­sie­ren auch extre­me For­men wenig, mich inter­es­sie­ren die klei­nen Gehäs­sig­kei­ten, die mich so sehr stö­ren, dass ich Kon­tak­te abbre­chen muss.

Ich glau­be, was es so unan­ge­nehm macht, ist das dahin­ter­lie­gen­de Stre­ben nach Beach­tung und Sta­tus.

Ich gehe solch einem Ver­hal­ten aus zwei Grün­den aus dem Weg. Ers­tens, weil es die häss­li­chen Sei­ten in mir weckt, und zwei­tens wenn ich zur Ziel­schei­be gemacht wer­de.

Süf­fi­sanz ist unauf­fäl­li­ger als Zynis­mus, des­halb schwe­rer zu durch­schau­en, und die Gren­zen von Spiel und Gehäs­sig­keit sind flie­ßend.

Süf­fi­sanz wirkt auf vie­le zunächst attrak­tiv, weil sie geist­rei­che Schlag­fer­tig­keit und spie­le­ri­sche Leich­tig­keit signa­li­siert; sie deu­tet an, dass jemand die Situa­ti­on durch­schaut, ohne sie all­zu ernst zu neh­men, man wirkt als wür­de man über den Din­gen ste­hen, und erzeugt so Charme und sozia­le Auf­merk­sam­keit, nicht sel­ten Anzie­hungs­kraft. Gleich­zei­tig hat sie aber immer eine schar­fe Spit­ze: Sie braucht ein Gegen­über, das zum Ziel des Spot­tes wird, setzt eine sub­ti­le Über­le­gen­heit vor­aus und kann dadurch ver­un­si­chern, bloß­stel­len oder gar ernied­ri­gen – gera­de weil das Opfer oft nicht weiß, ob es noch zum Scherz gehört oder schon zum Gespött gewor­den ist.

Dass ich selbst die­se Ten­denz habe, ist eine Reak­ti­on dar­auf, dass ich seit mei­ner Kind­heit Ziel­schei­be für man­che bin. Was ich mal als lus­ti­gen Schlag­ab­tausch ansah, ent­puppt sich mit zuneh­men­dem Alter oft als häss­li­che Über­heb­lich­keit. Bei Män­nern beob­ach­te ich das gera­de extrem häu­fig. Und je älter sie wer­den. Rich­tig unan­ge­nehm wird es, wenn sie sagen, dass das doch Humor sei und der ande­re des­halb humor­los.

Die Defin­ti­on und Her­kunft auf Wiki­pe­dia kann da auch nichts Gutes dran fin­den:

Süf­fi­sanz (fran­zö­sisch suf­fi­sance, „Selbst­ge­fäl­lig­keit“) ist im wei­tes­ten Sinn eine Art spöt­ti­scher Humor. Das Deut­sche Wör­ter­buch der Brü­der Grimm beschreibt das Adjek­tiv süf­fi­sant als „anmaszend, dün­kel­haft, ein­ge­bil­det“ auch „selbst­ge­fäl­lig, selbst­zu­frie­den“ und gibt an, es sei im 18. Jahr­hun­dert aus dem Fran­zö­si­schen ent­lehnt.

Süf­fi­sanz

Schon erstaun­lich, wie attrak­tiv und gesell­schafts­fä­hig Selbst­ge­fäl­lig­keit ist. Und nein, man muss nicht immer auf „die da oben“ ver­wei­sen, das bekommt man vor der Haus­tür.

Auf Wiki­pe­dia wird es noch dras­ti­scher:

Süf­fi­san­te Bemer­kun­gen, Kom­men­ta­re oder Zwi­schen­ru­fe sind spöt­tisch, abwer­tend oder ver­ächt­lich gemein­te Aus­sa­gen, die sich meist auf Hand­lun­gen oder Wer­ke Ande­rer bezie­hen. Mit­hin bedarf es für Süf­fi­sanz eines gewis­sen Hoch­muts (Syn­onym: Über­heb­lich­keit), einer Über­le­gen­heits­dar­stel­lung, des Spot­tes und/oder der Scha­den­freu­de.

Das Damen Con­ver­sa­ti­ons Lexi­kon von 1834 bemerkt dazu:

„Süf­fi­sance, jene Selbst­ge­fäl­lig­keit, die, sich stets selbst genug, sel­ten ande­ren genügt – ein Ego­is­mus, der sich selbst zum Spie­gel­bil­de einer won­nig­li­chen Betrach­tung macht, ein geis­ti­ger Nar­ziss, der sich selig ver­tieft in dem Anschau­en sei­ner eige­nen Gestalt.“

In Knaurs Deut­schem Wör­ter­buch wird „süf­fi­sant“ auch als „dün­kel­haft“ und „spöt­tisch-über­heb­lich“ beschrie­ben.

Gentle grump

Es gibt eine net­te Form der harm­lo­sen Selbst­iro­nie, den gent­le grump, den Schau­spie­ler wie James Ste­wart, Jack Lem­mon, Tom Hanks und Bill Mur­ray ver­kör­pern. Das hat nichts von gehäs­si­ger Pro­vo­ka­ti­on, Bos­haf­tig­keit oder Stan­des­dün­kel.

ChatGPT über­setzt es mir mit „lie­bens­wer­ter Murr­kopf mit selbst­iro­ni­scher Wär­me“. Das ist nied­lich und gefällt mir.

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