Wir haben nur ein Gehirn, nicht drei

Tja, das muss ich dann wohl aus mei­nem Wis­sens­schatz als „lei­der falsch“ strei­chen. Nicht ein­mal spa­ßes­hal­ber will ich mit die­ser Meta­pher mehr umge­hen (was ich bis­her tat, wenn ich ver­sucht habe zu beschrei­ben, was ich tue, wenn ich Tanz­schrit­te ler­ne, was mir ja immer schon etwas naiv ver­kürzt vor­kam). Es tut mir leid, wenn ich dar­an betei­ligt war, die­se fal­sche Vor­stel­lung zu ver­brei­ten.

Ich strei­che die Begrif­fe „Rep­ti­li­en­ge­hirn“ aus mei­nem akti­ven Wort­schatz.

Die­ses Modell hier ist falsch wie das Modell einer schei­ben­för­mi­gen Erde:

Neo­cor­tex (Ratio, Mensch)
Lim­bi­sches Sys­tem (Emo­tio­nen, Säu­ge­tie­re)
Rep­ti­li­en­ge­hirn (Instinkt, Rep­ti­li­en)

„Sie tra­gen also kei­ne inne­re Eidech­se oder ein emo­tio­na­les Tier­ge­hirn in sich. Es gibt kein lim­bi­sches Sys­tem, das für unse­re Emo­tio­nen ver­ant­wort­lich ist. Und Ihr (fälsch­lich) soge­nann­ter Neo­cor­tex ist auch nichts Neu­es: Vie­le ande­re Wir­bel­tier­ar­ten haben die­sel­ben Neu­ro­nen, die sich bei man­chen Tie­ren zu einer Groß­hirn­rin­de ent­wi­ckeln, wenn die ent­schei­den­den Pha­sen lan­ge genug andau­ern. Alles, was Sie über den mensch­li­chen Neo­cor­tex, die Groß­hirn­rin­de oder den prä­fron­ta­len Cor­tex als Sitz der Ver­nunft lesen oder über den Fron­tal­lap­pen, der das angeb­li­che Emo­ti­ons­ge­hirn steu­ert, um irra­tio­na­les Ver­hal­ten zu unter­drü­cken, ist schlicht über­holt oder bekla­gens­wert unvoll­stän­dig. Das drei­ei­ni­ge Gehirn und sein epi­scher Kampf zwi­schen Emo­ti­on, Instinkt und Ratio sind ein moder­ner Mythos.“

„Glück­li­cher­wei­se müs­sen wir das gar nicht, denn eine von bei­den ist schlicht falsch. „Die Geschich­te vom drei­ei­ni­gen Gehirn ist einer der erfolg­reichs­ten und ver­brei­tets­ten Irr­tü­mer in der Wis­sen­schaft. Sicher han­delt es sich dabei um eine fas­zi­nie­ren­de Geschich­te, zumal sie wider­spie­gelt, wie wir uns gele­gent­lich füh­len.“

„Jüngs­te For­schungs­ar­bei­ten auf dem Gebiet der Mole­ku­lar­ge­ne­tik zei­gen, dass sich die Neu­ro­nen von Rep­ti­li­en bezie­hungs­wei­se nicht mensch­li­chen Säu­ge­tie­ren und jene der Men­schen glei­chen, selbst die Neu­ro­nen, die den sagen­um­wo­be­nen mensch­li­chen „Neo­cor­tex“ bil­den. Mensch­li­che Gehir­ne sind nicht aus denen der Rep­ti­li­en her­vor­ge­gan­gen, indem sie eige­ne Area­le für Emo­tio­nen und ratio­na­les Den­ken ent­wi­ckelt haben. Statt­des­sen ist etwas viel Span­nen­de­res pas­siert. Wis­sen­schaft­ler haben erst kürz­lich her­aus­ge­fun­den, dass die Gehir­ne sämt­li­cher Säu­ge­tie­re dem­sel­ben Bau­plan fol­gen, und ver­mut­lich gilt das auch für die Gehir­ne von Rep­ti­li­en und ande­ren Wir­bel­tie­ren. Vie­le Men­schen – selbst vie­le Neu­ro­wis­sen­schaft­ler – wis­sen das noch nicht. Und jene, die Bescheid wis­sen, ste­hen noch ganz am Anfang der Erkun­dung, was dies denn tat­säch­lich bedeu­tet.

Lisa Feld­man Bar­rett, Sie­ben­ein­halb Lek­tio­nen über das Gehirn

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