Anete Lūsiņa auf Unsplash

Aus dem Koffer leben

Vierzehn Tage lang habe ich aus dem Koffer gelebt. Zweimal habe ich gewaschen. Das war einfach, weil es immer über fünfundzwanzig Grad hatte. Ich brauchte keine lange Hose und nur ein dünnes, langärmeliges Teil, falls es mal frischer wurde.

Gestern kam ich nach Hause und stelle fest, dass ich zu viele Sachen in meinem Zimmer habe. Aufräumen und entsorgen will ich schon lange, aber ich hatte bisher kein System. Jetzt habe ich eines. Ich muss die Dinge kategorisieren:

  1. Dinge, die ich brauche.
  2. Dinge, die grundsätzlich nützlich sind. Das wird schwierig, weil ich nicht weiß, ob ich sie jemals brauche. Wahrscheinlich kann hier vieles weg oder so verwahrt werden, dass es nicht stört.
  3. Dinge, die ersetzbar sind.
    1. Dinge, die digital ersetzbar sind.
      Schwierig, das hatte ich mir mal einfach vorgestellt, als es Analoges digital gab. Das ist aber zwanzig Jahre her. Musik, Filme, Bücher sind eben nicht einfach eins zu eins zu ersetzen. Trotzdem ist es zu viel. Ich habe idiotisch viele Bücher und muss mich ernsthaft fragen, ob ich die jemals lese. Sonst ab ins öffentliche Bücherregal. CDs und DVDs könnten mal wieder zum Großteil in den Keller.
    2. Dinge, die durch Neukauf ersetzbar sind.
      Da ärger ich mich dann oft, weil ich wieder Geld ausgeben muss. Außerdem ist unklar, ob es die Dinge später tatsächlich noch gibt.
  4. Dinge, die ich doppelt habe. Nicht direkt doppelt, aber von ähnlicher Art. Dinge, die sich gegenseitig ersetzen. Eine interessante Frage nach dem, was ich wirklich brauche. Wie viele Kameras brauche ich? Auf die Frage werde ich nie eine Antwort haben. Ich wünschte, ich könnte irgendwann mal sagen: Eine.
  5. Dinge mit persönlicher Bedeutung. Die bleiben, natürlich. Geschenke. Ich habe ziemlich viele Geschenke, die kommen natürlich nicht weg. Ich habe sogar noch einen alten Karton mit Briefen von vor dreißig Jahren im Keller. Das sind auch Geschenke, quasi. Das Physikheft aus der 7. Klasse, dass meine Mutter für mich aufbewahrt hat. Vorne habe ich in Sütterlin geschrieben (das konnte ich tatsächlich mal, aus Spaß). Innen zwei Seiten Formeln (das wusste ich tatsächlich mal, glaube ich). Ab der dritten Seite Comics und dumme Sprüche (so habe ich meine Schulzeit in Erinerung, das ist hängen geblieben).

Ich muss also quasi den Koffer erweitern, also ein Koffer von der Größe meines Zimmers. Sieben Unterhosen, sieben Socken, sieben T-Shirts, da ich sowieso einmal die Woche wasche. 2, 3 und 4 muss ich ganz genau an jedem Ding prüfen.

Ein Kommentar zu „Aus dem Koffer leben"

  1. Meine Haupteinsicht der letzen Jahre: Wenn die Dinge erst weg sind, vermisst man sie nicht, egal, zu welcher Kategorie sie gehören. Selbst bei den Dingen, die man braucht ist oft überraschend, wie gut man ohne sie auskommt. Und mehr noch: Ich fühle mich besser, je mehr Dinge fort sind. Habe ich mich von Dingen getrennt und bereue es jetzt? Kalt. Haufenweise. Wäre es deswegen besser gewesen, sie nicht wegzutun? Kein Stück. Denn all die Dinge, die fort sind und ich nicht vermisse wiegen das locker auf.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert