Der Weg durch die Mittelstufe

Ich bin in die Mit­tel­stu­fe gewech­selt, weil ich nur an dem Ter­min Zeit habe. Es kam mir ganz gele­gen, weil ich sowie­so mal ein biss­chen mehr aus­pro­bie­ren woll­te, Sachen, die ich noch gar nicht kann.

Das ist nicht die Metho­de des Vaga­no­va-Unter­richts. Das ist die Metho­de der Unge­dul­di­gen, aber ich woll­te es so.

Jetzt bin ich zwar schon län­ger in der Grup­pe, füh­le mich aber immer noch, als sei ich dort aus Ver­se­hen hin­ein­ges­pol­tert, und genau so tan­ze ich auch. Auch das ist nor­mal und das lese ich immer wie­der bei ande­ren, die­ses „Was mache ich hier eigent­lich? Ich kann das doch gar nicht?!“ Die Übun­gen am Bar­re sind kom­pli­ziert, aber es geht immer ein biss­chen bes­ser. Die Abfol­gen im Cen­ter gehen gera­de so. Die kur­zen Bewe­gungs­ab­fol­gen sind grö­ßen­teils Gestol­per, der kläg­li­che Ver­such mitz­kom­men. Theo­re­tisch ver­ste­he ich es ja, nur aus­üben kann ich es nicht, und das ist schon mal viel wert: dass ich weiß, wie es gehen soll. Des­halb blei­be ich da.

Jetzt hat die Tanz­schu­le im Juni ein Auf­füh­rung und – Über­ra­schung – mei­ne Grup­pe tanzt mit. Ich soll mit­tan­zen, die Frau­en in mei­ner Grup­pe wol­len das, und ich ja auch ein biss­chen, bedingt.

In der Cho­reo­gra­fie-Grup­pe ist für mich kein Platz, weil ich ein Mann bin, also läuft es, gemäß mei­ner Rol­le, wohl auf einen klei­nen Pas De Deux hin­aus, eine klei­ne Zwi­schen­ein­la­ge. Ich muss dazu sagen, dass ich anders ein­ge­schätzt wer­de. Man­che den­ken, ich kön­ne viel mehr als das, was ich tat­säch­lich kann. Der Pro­fi sieht in mir das Poten­ti­al, der Laie denkt, ich kön­ne mehr. Aus dem Grund mache ich mitt­ler­wei­le fast alles mit und habe so gut wie jede Hem­mung fal­len las­sen. Das ist auch gut so, und auch dar­an arbei­te ich. Des­halb kann ich es auch ver­ste­hen, wenn Tän­ze­rin­nen und Tän­zer unab­hän­gig von Alter und Aus­se­hen in jeder Wei­se tan­zen.

Bereits vor einem hal­ben Jahr kam der Lei­ter der Tanz­schu­le auf mich zu und frag­te, ob ich bei der Auf­füh­rung tan­zen wol­le, er hat­te mich bloß am Bar­re gese­hen. Ich sag­te zu, war mir aber sicher, dass er das irgend­wann wie­der ver­gisst. Das hat er auch ver­ges­sen, aber jetzt bin ich über den Wech­sel in die Grup­pe doch drin. Mitt­ler­wei­le habe ich mich sowohl mit dem Gedan­ken aus­ein­an­der­set­zen kön­nen, als auch neue Erfah­run­gen im Modern Dance sam­meln kön­nen, des­halb kommt es nicht mehr ganz so über­ra­schend. Trotz­dem glaubt ein Teil in mir immer noch, dass das ein Scherz ist und nicht ganz ernst gemeint sein kann.