Lads do football … or boxing … or wrestling. Not friggin‘ ballet.

Ein paar Gedanken zum Thema Geschlechtervielfalt

„Ich bin kein Mann“ „Ich auch nicht.“ „Für mich müss­te man einen neu­en Begriff erfin­den.“ So lie­fen eini­ge Gesprä­che in letz­ter Zeit in mei­nem Umfeld ab. Die Gesprä­che ent­stan­den zufäl­lig, ich weiß auch nicht mehr, wie wir dar­auf kamen. Mit ganz nor­ma­len Män­nern. Natür­lich: Was ist schon ein nor­ma­ler Mann?!

Auch wenn wir es weit von uns wei­sen, weil wir es bes­ser wis­sen müss­ten, schei­nen wir ein Stan­dard-Bild von Män­nern zu haben. Es gibt kei­ne ein­deu­ti­ge Defi­ni­ti­on des Begriffs „Geschlecht“. Der Begriff wird inner­halb eines Sys­tems defi­niert. Es gibt Män­ner, aber es gibt nicht „den“ Mann. In der Bio­lo­gie bedeu­tet Geschlecht etwas ande­res als in der Genea­lo­gie oder in der Gram­ma­tik. Die bio­lo­gi­sche Ursa­che des Begriffs (und damit zual­ler­erst) liegt in der Tat­sa­che begrün­det, dass wir getrennt­ge­schlecht­li­che Säu­ge­tie­re sind. Das wird in den Genen codiert und die­se bil­den in kom­ple­xen Pro­zes­sen das Indi­vi­du­um. Kom­plex des­halb, weil die Rech­nung XX=Frau und XY=Mann viel­leicht für die 6. Klas­se reicht, aber nicht für das Wis­sen um den kom­ple­xen Pro­zess der Ent­ste­hung von For­men und Ent­wick­lung des Indi­vi­du­ums. Wie kom­plex die Pro­zes­se und Bedin­gun­gen sind, zeigt die Geschich­te um Cas­ter Seme­nya, die als Frau auf­wuchs und erst bei den Olym­pi­schen Spie­len erfuhr, dass sie inter­se­xu­ell ist. Was wider­um die Fra­ge auf­wirft, was ein Mensch eigent­lich ist, wenn man die Fra­ge nach seinem/ihrem/essem Geschlecht stellt.

Die Begrif­fe Mann und Frau sind sprach­li­che Abbil­dun­gen einer viel kom­ple­xe­ren Wirk­lich­keit. Geschlech­ter gibt es nur in der Spra­che, in Wirk­lich­keit gibt es das Phä­no­men der Geschlecht­lich­keit. Die Kate­go­rien Mann und Frau sind theo­re­tisch, ver­ein­facht, idea­lis­tisch. Dis­kri­mi­nie­rung meint wort­wört­lich Unter­schei­dung und Tren­nung, aber Dis­kri­mi­nie­rung meint heu­te die Benach­tei­li­gung einer der Grup­pen. Weil es so ist und wil­lent­lich wie auch unbe­wusst kul­ti­viert wird, gibt es Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te und Femi­nis­mus und Gen­der­for­schung. Ande­rer­seits kann man mit der ein­deu­ti­gen Unter­schei­dung und Posi­tio­nie­rung ziem­lich viel Spaß haben. Dar­in liegt oft das Pro­blem, näm­lich einen Rah­men zu fin­den, der die Bedin­gun­gen stellt, die Freu­de dar­an ermög­li­chen und sei­ne Per­sön­lich­keit aus­zu­bil­den.

Die Kate­go­rien „Mann“ und „Frau“ schie­nen so all­um­fas­send und weit und gleich­zei­tig so eng. Wir machen sie eng und den­ken oft nicht weit genug, weil wir mensch­li­che Eigen­schaf­ten sexua­li­sie­ren, was sowohl rich­tig als auch falsch ist. Doch anstatt die Mög­lich­kei­ten zu erkun­den, ver­su­chen wir manch­mal nur her­aus­zu­fin­den, was rich­tig oder falsch ist, weil wir das allei­ne für Erkennt­nis hal­ten. Ich gebe mal ein Bei­spiel: Frau­en wird die Eigen­schaft der Ele­ganz zuge­schrie­ben, also auch dass Frau­en sich ele­gan­ter bewe­gen als Män­ner. Nach zwei Jah­ren Bal­lett habe ich die Erfah­rung gemacht: das stimmt so nicht, aber es ist etwas dran. Es gibt unter­schied­li­che For­men, Typen und Aus­prä­gun­gen. Die Aus­sa­ge müss­te lau­ten: Man­che Frau­en bewe­gen sich noch ele­gan­ter als alle sich ele­gant bewe­gen­den Män­ner. Der sich am ele­gan­tes­ten bewe­gen­de Mensch auf der Welt wäre eine Frau. Und damit ist man beim Ide­al, das natür­lich einen Bezug zur Wirk­lich­keit hat, aber eben nicht die Rea­li­tät, in der die meis­ten von uns leben. Man kann also selbst­ver­ständ­lich in einer Grup­pe lan­den, in der der sich am ele­gan­tes­ten bewe­gen­de Mensch ein Mann ist. Selbst wenn die Aus­sa­ge all­ge­mein rich­tig for­mu­liert wird, kann sie per­sön­lich unbe­deu­tend sein. Das glei­che Spiel könn­te man auch mit „Kraft“ spie­len.

Rea­li­tät ist sowohl das eige­ne Leben als auch das ein­zig­ar­ti­ge Ide­al, das einem Leit­bild wird. Wir ver­wirk­li­chen Idea­le, ob wir wol­len oder nicht. Ich sehe über­all um mich her­um Ver­wirk­li­chun­gen idea­li­sier­ter Vor­stel­lun­gen. Und wenn es um Vor­stel­lun­gen und Idea­le geht, kom­me ich zur Kunst. Wenn ich mich fra­ge, was Kunst eigent­lich ist, dann kom­me ich zu der Ant­wort: Sie ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Gege­be­nen und Mög­li­chen. Aus­ein­an­der­set­zung in Form von Machen, Tun, Arbeit und Spiel. Wenn ich dabei zu einer Erkennt­nis kom­me und ich in der Lage bin, die­se zu kom­mu­ni­zie­ren, dann ent­steht womög­lich ein Kunst­werk. War­um man das tun soll­te? Na, um das zu wer­den was man ist und das fin­det man her­aus, indem man pro­biert, was man sein könn­te.

Geschlecht­lich­keit wird in der Kunst am bes­ten und umfäng­lichs­ten zum Leben erweckt. Weil Geschlecht­lich­keit in allen sei­nen Facet­ten und For­men und auch für einen selbst bis in die kleins­ten Ecken erkun­det wer­den kann. Und des­halb gibt es Mode, Unis­ex­par­füm, Drag Queens, und Balan­chi­nes Cho­reo­gra­fien. Das ist für mich Rea­li­tät, die Kate­go­rien „Mann“ und „Frau“ sind sprach­li­che Kon­struk­te, die einem per­sön­lich etwas bedeu­ten kön­ne, aber nicht müs­sen, jedoch immer wie­der neu und in ande­ren Zusam­men­hän­gen rea­li­siert wer­den müs­sen. Rea­li­sie­ren heißt nicht „wahr­ha­ben“, son­dern „wirk­lich machen“. Es mag also sein, dass Bal­lett in gewis­sen Aus­prä­gun­gen sexis­tisch ist (das kann zum Bei­spiel bedeu­ten, dass sich Män­ner über Frau­en stel­len wol­len, als auch, dass Frau­en unter­ein­an­der einen extre­men Idea­li­sie­rungs­druck auf­bau­en) in sei­nem Wesen jedoch ist es zutiefst mensch­lich.

Bal­lett als Kunst­form han­delt von Kör­pern, Men­schen und Bezie­hun­gen mit den Mit­teln des Tan­zes. Kurz und knapp und ich fin­de den Satz schon ein biss­chen ver­rückt: Ich brau­che die Kunst, um mich als hete­ro­se­xu­el­ler Mann hin­rei­chend zu for­mu­lie­ren. Hete­ro­se­xu­el­ler Mann sagt näm­lich erst ein­mal gar nichts. Das „hete­ro­se­xu­ell“ habe ich nur dran­ge­hängt, um es noch durch­schnitt­li­cher zu machen, um zu zei­gen, wie ordi­när die­se Aus­sa­ge eigent­lich ist und wie tech­no­kra­tisch sie wirkt. Denn erst in der Art und Wei­se wie man es lebt, zeigt sich die eigent­li­che Wirk­lich­keit.