Neunterelfter

Ich saß im Büro, aber ich weiß nicht mehr, wie mich die Nachricht erreichte. Ich glaube, die Bilder kamen später. Als klar war, dass es sich nicht um einen Unfall handelt, bekam ich Panik. Ich fragte mich, ob jetzt ein Weltkrieg ausbricht und das nur der Beginn ist. Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten und fuhr wie ein Irrer auf dem Rad nach Hause, weil ich bei meiner Familie sein wollte. Unsere Tochter war damals noch klein. Wenn jetzt irgend etwas passiert, will ich bei ihnen sein, dachte ich.

Danach blieben tausend Fragen und bis heute kann ich mir nicht vorstellen, was in dem Flugzeug damals abging. Ich konnte es einfach nicht glauben. Es kamen ziemlich schnell Fragen und Zweifel auf, die durch das Internet Verbreitung fanden. Es dauerte sehr lange, bis diese Fragen hinreichend beantwortet wurden.

Das schlimmste Bild, das mir blieb, sind die Menschen, die aus den Fenstern sprangen. Ich versuche mir dummerweise immer vorzustellen, wie ich in solchen Situationen reagieren würde. Ich bin voll mit lebensbedrohlichen Vorstellungen und Fantasien. Ich kann nicht anders, als mir das in allen Details vorstellen zu wollen. Wie sich das anfühlt, was ich tun würde.

Ich habe mir letztens zwei Bücher besorgt: Daniel Gerlach „Die Kunst des Friedens“ und Christopher de Bellaigue „Die islamische Aufklärung“, weil ich einfach zu wenig weiß. Ich habe das Bedürfnis, mehr zu verstehen. Aus Panik und Angst wurde das Bedürfnis, zu verstehen. Ich weiß nicht, wann und ob ich die Bücher lesen werde, mein Leben ist Alltag und an meiner Situation hat sich grundsätzlich nichts geändert: Ich kümmere mich um mich und meine Familie.

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