Dirk hat mir netterweise ein Exemplar vorab gegeben, das ich im Urlaub gelesen habe. Natürlich habe ich es mir als Paperback bestellt, damit es neben Die Lehrerin stehen kann, denn die beiden Bücher sind eine Dilogie und bilden zusammen die Erzählung „Brandland“, wie er schreibt. Ein wirklich passender und klug gewählter Titel, der genug Raum für Assoziation lässt und trotzdem das Konkrete treffend beschreibt. So wie das Buch selbst.
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich Dystopien ungemütlich finde, unbequem. Die Antwort könnte sein: Ich nehme sehr gerne auch ungemütliche Perspektiven ein, wenn diese Perspektive innerhalb eines flexiblen, multiperspektiven Systems steht. Ganz blöd gesagt: Ich brauche Hoffnung und Menschen mit Herz und Verstand. Und, nicht oder. Beides oder sonst lieber gar nicht. Und das Herz zu wecken, ist eine Kunst, und halte ich auch für die Aufgabe von Kunst. Eine Kunst, die nur den Verstand ansprechen will, bedient sich nur der Formen.
Ich fange schon wieder an, in Kunst und Philosophie abzudriften, aber ich kann nicht anders.
Wenn man dystopische Zustände beschreibt, dann sind es ja auch zynische Karikaturen. Kleidung, die zu viel Körper zeigt, Missbrauch und Ausbeutung von Menschen, Fast Food, Rückgang von Bildung und Wissen, Korruption, Gewalt, die Verbindung von organischem und technischem Material. Das ist fast schon Standard und man kann schlecht dagegen argumentieren, außer, dass es das alles schon immer gab und Zivilisationen kommen und gehen, was nicht weniger zynisch ist. Man will doch auf etwas hinweisen, wie eine Warnung, die Augen öffnen, weil einem etwas am Herzen liegt, wie zum Beispiel andere Kleidung, keine Korruption, seine Wut im Griff haben, Menschen und Technik nicht ohne Nachdenken verbinden und so weiter und so fort.
Und es sind genau diese beiden Richtungen, in die eine Dystopie zieht: Sie legt den Finger in die Wunde und mit dem anderen Arm reicht sie einem die Hand oder lässt einen auch gnadenlos fallen. Ein Cliffhanger, der fragt, ob es da oben auf dem Boden wirklich so lebenswert ist oder man nicht einfach lieber in die Tiefe fallen will.
Eine Dystopie geht ans Eingemachte, und ans Eingemachte geht man nur in Notzeiten. Eine Dystopie führt einem also vor Augen, dass man in einer Notzeit lebt oder sich dahin entwickelt.
Der zweite Sommer erzählt die (Vor-)Geschichte Die Lehrerin nicht nur weiter, sondern gibt den Figuren mehr Raum und Tiefe, baut Schleifen ein, die ich ganz großartig finde, Nes und Beccas Beziehungen bilden Erfahrungsräume ganz eigener Art, abwechslungsreich und überraschend entwickelt.
Man folgt den beiden auf der Reise durch ihre Vergangenheit und auf der Suche nach Redin und einem lebenswerten Ort. Unterwegs treffen sie auf skurrile, sympathische Figuren, die wie eine Zirkustruppe wirken.
Das alles kann ich mir sehr gut als Film oder Miniserie vorstellen. Da sind so viele unterhaltsame Dynamiken in Charakter und Beziehungen enthalten. Der Rhythmus läuft geschmeidig wie ein Roadmovie. Ich würde Sofia Coppola anfragen.
Dirk hat mit Becca, Nes und Redin drei überzeugende, sympathische Charaktere entwickelt, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind.
Ich würde Brandland gerne als Hardcover im Buchladen stehen sehen, dessen Cover genau so viel Herz und dystopische Härte ausstrahlt (aber dezent als Kontrast), wie das Buch enthält.
