90er-Indie-Musik und Verarbeitung

Wo soll ich anfan­gen? Wie soll ich anfan­gen? Wor­um geht es über­haupt?

Es geht dar­um, dass ich mir die Indie-Musik der 90er anse­hen will, vor allem auf die US-ame­ri­ka­ni­sche, die sich durch Intro­spek­ti­on, Ver­letz­lich­keit und Sin­ger-Song­wri­ter-Ästhe­tik aus­zeich­net.

Es geht dar­um, einen Zugang zu fin­den zu Musik, die ich mir sel­ten ange­hört habe, weil ich nichts mit dem The­ma zu tun haben woll­te. Wo fan­ge ich an? Beim Trau­ma, beim Schmerz, bei dem, was uns zustößt, uns ange­tan wird, und der Art und Wei­se, wie man dar­über Tex­te schreibt. Das ist das The­ma, das ist hier der Anlass, Tex­te zu schrei­ben und Musik zu machen. Das ist, wor­aus gro­ße Musik ent­stan­den ist, die ich mir viel­leicht aus genau die­sen Grün­den nicht ange­hört habe. Jetzt bin ich älter und habe dafür das Ohr.

Män­ner schrei­ben anders als Frau­en, Blick­win­kel und Pro­blem­be­nen­nung sind unter­schied­lich, man­che schrei­ben eher per­sön­lich, man­che eher poli­tisch.

Män­ner lei­den roman­tisch und nei­gen zur Selbst­zer­stö­rung, Frau­en benen­nen das Pro­blem (Män­ner). Die­se Rol­len­ver­tei­lung ist kul­tu­rell ver­füg­bar, was in den 90ern dank­bar ange­nom­men wird. Es geht bei bei­den um Gewalt, Wut und Schmerz und Struk­tu­ren in Gesell­schaft und Fami­lie, die das immer wie­der her­vor­brin­gen, nur aus unter­schied­li­cher Per­spek­ti­ve.

Die männ­li­che Selbst­zer­stö­rung als Per­for­mance, das Tier im Man­ne, der Mann der von sei­nen Gefüh­len über­mannt wird und in den Wahn­sinn getrie­ben wird, ist ein typi­sches Bild des 19. Jahr­hun­derts. Mit Elvis, Jim Mor­ri­son, Ian Cur­tis und Kurt Cobain wird die­ses Bild wei­ter­ge­führt. Nick Cave insze­niert die­ses Bild ganz bewusst, die dunk­le Sei­te des Man­nes. Das macht die Gefüh­le echt, das macht den Mann wahr. Ein Mann, der nicht lei­det, hat kei­ne ech­ten Gefüh­le. Es gibt kei­nen Aus­weg, nur Inten­si­vie­rung bis zum Ende.

Frau­en fokus­sie­ren und benen­nen das Pro­blem, so wie es der Femi­nis­mus in ver­schie­de­nen For­men und Aus­prä­gun­gen tat. Da wird nicht die Dun­kel­heit besun­gen, son­dern Män­ner und Per­so­nen benannt. Sie adres­sie­ren die Wut.

Der Mann, auf der Suche nach Lie­be, nimmt die Schuld auf sich, bekennt sich, es bleibt ihm nur die Selbst­zer­stö­rung.

Das sind kul­tu­rel­le Kli­schees und gro­be Rich­tun­gen, die immer wie­der auf­ge­bro­chen wer­den und die Gegen­bei­spie­le machen es inter­es­sant.

Was musi­ka­lisch auf­fäl­lig ist, im Gegen­satz zu den 60ern bis zu den 90ern, ist eine neue, indi­vi­du­el­le Art, Musik zu machen. Joni Mit­chell mag als Vor­rei­te­rin gel­ten und Tom Waits als Aus­nah­me, aber jetzt ist es gera­de­zu üblich, im Allein­gang vir­tu­os, intim, pri­vat, per­sön­lich und poe­tisch zu sein.

Man ent­deckt alte, mög­li­che Vor­bil­der (Nick Dra­ke, Syd Bar­rett) und über­brückt die 80er, John­ny Cash spielt im Stu­dio Hurt ein, alt und gebro­chen. Die Auf­nah­me wirkt wie ein Schluss­ka­pi­tel einer 90er-Indie-Geschich­te.

I hurt mys­elf today
To see if I still feel
I focus on my pain

Grunge hat männ­li­che Depres­si­on main­stream-fähig gemacht. Femi­nis­mus gab Frau­en wei­ter­hin ihre poli­ti­sche Spra­che. Indie-Labels und Col­lege Radio schu­fen Nischen für bei­de und MTV Unplug­ged unter­mau­er­te das kli­schee­haf­te Sche­ma, das Zer­brech­lich­keit und Ver­letz­lich­keit den Mann tief macht, wäh­rend es bei Frau­en als natür­lich weib­lich gilt.

Aber es gab Brü­che, Dop­pel­deu­tig­kei­ten und Iro­nien, Musi­ke­rin­nen und Musi­ker, die sich außer­halb die­ser Kli­schees beweg­ten und sol­che Gren­zen auf­bra­chen: PJ Har­vey, die sich männ­li­cher Attri­bu­te bedien­te, Mark Eit­zel, der sich nicht klein­krie­gen ließ, Cat Power, die zusam­men­brach und kei­ne Kämp­fe­rin war, Conor Oberst, der die Gebro­chen­heit bloß insze­niert und Fio­na Apple, die sub­ver­siv und iro­nisch ist.

Play­list (was ich mir inten­siv anhö­ren wer­de):

  • Tori Amos – Me and a Gun (1991)
  • PJ Har­vey – Rid of Me (1993)
  • Liz Phair – Fuck and Run (1993)
  • Fio­na Apple – Cri­mi­nal (1996)
  • Cat Power – Metal Heart (1998)
  • Kris­tin Hersh – Your Ghost (1994)
  • Julia­na Hat­field – My Sis­ter (1993)
  • Jeff Buck­ley – Grace (1994)
  • Elliott Smith – Bet­ween the Bars (1997)
  • Vic Ches­nutt – Flir­ted with You All My Life (1996)
  • Mark Linkous/Sparklehorse – Some­day I Will Tre­at You Good (1995)
  • Red House Pain­ters – Katy Song (1992)
  • Jason Molina/Songs: Ohia – Fare­well Trans­mis­si­on (2003, tech­nisch 00er, aber passt)
  • Bright Eyes – Some­thing Vague (1998)
  • Ame­ri­can Music Club – Why Won’t You Stay (1991)

Jetzt habe ich doch noch Wor­te gefun­den.

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