Herbst

Letzten Sonntag wurden die Uhren wieder auf Standardzeit umgestellt, welche die für Menschen gesündere Zeit ist, was zur Folge hat, dass ich jetzt bereits um 19:00 Uhr denke: Kann ich jetzt endlich ins Bett?

Die Temperaturen sind schwankend, mal ist es eisig, dann wieder frühlingshaft. In der Regel sind die Temperaturen aber angemessen, allerdings nicht so, dass ich die dicke Jacke rausholen muss, sondern die dünnere, unter der ich Schichten warmer Kleidung habe.

Ich will nicht sagen, dass ich im Sommer farbenfroh rumlaufe, aber doch immerhin farbiger als im Winter. Ich trage die Hälfte des Jahres fast ausschließlich schwarz wie eine griechische Witwe. Frauen bemerken das durchaus und fragen, warum ich nicht farbigere Sachen trage. Außerdem haben sie Sorge um meine Körperwärme und schenken mir ausschließlich Pullover aus Schurwolle, mit dem Hinweis, dass der ganz weich sei, als Gegenbeweis reinige ich damit den Topf mit Angebranntem. Ich habe zwei farbige Pullover aus 100 % Wolle, die ich geschenkt bekommen habe und nie trage.

Bunte Sachen trage ich fast ausschließlich im Contemporary Dance, da sogar bunte Socken und Motivsocken. Es ist erstaunlich, wie viel Freude es meinen Mittänzerinnen bereitet, wenn ich farbige Sachen anhabe. Ich finde es ja auch schicker. Vor allem ist es immer eine große Freude, wenn man zufällig die gleichen Farben anhat. Das klingt jetzt so als sei mir das völlig fremd, was falsch ist, ich bin da genau so, bemerke regelmäßig bei Frauen, wenn sie etwas Schönes oder farbig Interessantes anhaben und weise auf Farbgleichheiten hin.

Ein Grund, weshalb ich im Alltag, also auf der Arbeit, Schwarz trage, ist, dass es nicht auffällt, wenn ich einen Pullover mehrere Tage hintereinander trage.

Vielleicht trage ich Schwarz einfach aus Bequemlichkeit.

Mein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, Tanzen erhöht den Bedarf an T-Shirts massiv. Der heiße Sommer sowieso. Ich habe im Sommer dreimal am Tag geduscht (Morgens, nach der Arbeit, vor dem Zubettgehen) und pro Tag drei T-Shirts gebraucht (Arbeit, Tanzen, zwischendrin).

Soviel zur Kleidung, aber es ist ja nunmal auch etwas, was Zeit und Aufmerksamkeit kostet – mehr als Essen.

Ausgerechnet bekomme ich im Winter Lust auf Fotografieren, also immer dann, wenn ich in der Freizeit nur im Dunklen unterwegs bin und auch nur soviel wie nötig, also um von A nach B zu kommen. Außerdem ähneln sich die Fotos über die Jahre. Wie zum Beispiel das obligatorische Kürbisfoto im Oktober.

Aber egal, denn das Motto lautet ja: Fotografieren als hätte man keinen Film eingelegt.

Heute Morgen lief mir Ikebana über den Weg, weil wir einer Kollegin ein „Blumengesteck“ schenken wollen und ein Kollege meinte, dass das nach Friedhof klingt. Ja, ist auch meine Assoziation, aber die Kollegin mag Blumengestecke, und in meiner Kindheit war Ikebana gerade en vogue und Moosi (1) mein liebstes Spielzeug. Wer seine Finger nie in Moosi drückte, weiß nicht, was wahre Sinnesfreude ist. Noch mehr als Knallfolie (2).

Jedenfalls fand ich die Blumengestecke, die meine Mutter zusammensteckte, immer sehr schön, und aus den Resten hatte ich mir manchmal auch eines zusammengesteckt und ins Zimmer gestellt.

Auch wenn meine Mutter nur eine einfache Angestellte aus Hamburg war (heute ist sie eine Rentnerin in Reinfeld), hat sie doch etwas von einer Zen-Buddhistin, was ihre Liebe zum Tee (den sie zeremoniell zubereitet), Garten und Dekoration betrifft. Brüder und Schwestern im Geiste, oder zwei, die sich auf Anhieb verstehen würden.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass wir mit den Kindern immer Jahreszeitentische aufgebaut haben, mit Sachen, die wir im Wald gesammelt haben. Jetzt sind die Kinder groß und wir haben noch nicht einmal einen Kürbis geschnitzt oder Kastanien gesammelt. Morgen nach der Arbeit wäre noch eine Gelegenheit, mal sehen, ob mir das zeitlich in den Terminkalender passt, vielleicht sollte ich eine KI bitten, mir einen Slot zu reservieren und schon mal Deko-Idee zu sammeln. Oder ich schicke einfach den Roboter los.

Außerdem ist das Kind gerade krank, wie so einige um mich herum. Ich bin durch, ich hatte meinen Infekt im September.

Ich werde meine Aufmerksamkeit jedenfalls im November mal ein bisschen auf den Herbst lenken und ein bisschen mehr kultivieren. Vielleicht kaufe ich mir ja mal einen Pullover in Herbstfarben und überrasche meine Familie und meine Kolleginnen.

1: Der Fachbegriff ist: Blumensteckschaum
2: Postidee: Sinnesfreuden


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