Jazz

Mehr so eine kurze Notiz, nicht über das Thema, auf keinen Fall, das überlasse ich anderen.

Ich hatte entschieden, eine Jazzkur einzulegen und nur noch diese Alben anzuhören, weil ich mein Gehirn umgewöhnen wollte. So wie salzarme Ernährung.

Als ich 1988 ein Jahr im Zivildienst in Wyk auf Föhr war, waren ich praktisch vom Festland abgeschnitten, von Hamburg und allem Urbanen. Im Winter war man tatsächlich abgeschnitten, weil keine Fähre fuhr. Ich hatte nur meinen Ghettoblaster und ein paar Cassetten dabei. Cocteau Twins, Sign o‘ the Times und ein House- und Hip-Hop-Mix, weil das gerade hart im Kommen war. Man musste ins Kino gehen und Wild Style gucken, um überhaupt irgendwas mitzubekommen, wenn man nicht zu den coolen Typen gehörte, die jeden Trend mitbekommen. Ich war nie im Front, das war vollkommen anderen Lebensformen vorbehalten. Meine Freundin, in die ich verliebt war, ging da hin und ich wusste, wo mein Platz war. Deshalb lief auch nichts zwischen uns. Niemand, der verliebt ist, möchte in der Friend-Zone bleiben. Heute schätze ich das ganz anders ein und freue mich, dass ich so eine innige Freundschaft hatte.

Wir hatten damals exakt dieselben Probleme und Zustände wie heute, nur analog und mit anderen Zeichen, Mustern, Symbolen und Signalen. Viel Wollen, viel Unsicherheit. So etwas zu verstehen, hilft nicht viel, um etwas zu verändern, aber es es hilft, weil Verständnis hilft.

Ich ertappe mich häufig dabei, zu denken und zu sagen, dass ich früher nicht so war und alles anders war, aber das ist nicht wahr. Es ist im Kern viel mehr ähnlich. Ins Leben gehen ist für viele kein Sprung ins kalte Wasser, sondern mit dem Bonanzarad am Schienenverkehr teilnehmen zu müssen.

Man sagt immer, man vergoldet seine Vergangenheit. Ich kann mir meine als Kristallpalast vorstellen und ich finde es cool, so darüber zu denken. Manches lief nämlich richtig gut.

Zurück zur Musik.

Ich fühlte mich im Stairways und im Indie wohl, ging rüber ins Pickenpack und war unter normalen Leuten. Meine Zukunftsfrage war: Wovon willst du leben und wo passt du rein?

Neben dem Stairways war eine Punk-Kneipe, da bin ich einmal rein und gleich wieder raus. Die Blicke der Punks haben Bände gesprochen.

Viel mehr war zu der Zeit musikalisch nicht interessant für mich.

In Wyk gab es eine Disco, die Erdbeerparadies hieß. Auch das spricht Bände. Aber ich war froh, raus aus dem Hamburger Schmelztiegel zu sein. Die guten Clubs waren auf der Reeperbahn, Mittwochs gab es No Compromise in der Großen Freiheit. Auf dem Weg dorthin ständig die Straßenseite gewechselt und niemandem in die Augen sehen, in der U-Bahn froh, keinen Skins zu begegnen.

Ich war nicht cool und gehörte nirgends dazu. Blieb als einzige Alternative also das Erdbeerparadies und Modern Talking?

Zivildienst habe ich in der Jugendherberge gemacht. Endlich habe ich normale Jungs kennengelernt, ein Surfer aus Köln, ein Rocker und ein Jazzer aus gutem Hause. Es gab da wirklich nichts, außer die Mädchen die dort Urlaub machten oder auf Klassenfahrt waren, Flensburger und Jonglieren. Wir lernten Jonglieren, mit Bällen und Flaschen. Liebe, Alkohol und Spielen, das natürliche Habitat junger Männer.

Und die Musik? Drei alten Cassetten und Modern Talking waren zu wenig. Bernhard war Jazzer. Bernhard machte Sachen, die man nicht machen sollte. Von ihm lernte ich, betrunken vorne auf dem Lenker bei jemandem auf dem Rad mitzufahren, ohne Licht durch den Wald. Bernhard fuhr mit einem Boot rüber nach Sylt und blieb zwischendurch im Watt liegen. Und Bernhard hatte ein Piano in seinem Zimmer, das er sich herrichtete und auf dem er Jazz und Klassik spielte. Ich mit meiner Gitarre und er am Piano kamen nicht zusammen, aber er gab mir seine Cassetten: Charlie Parker, Charles Mingus, Keith Jarrett und Wolfgang Dauner.

Jazz holte mich nicht ab, ich öffnete mich dem Jazz.

Ich hörte Grant Green und Pat Matheney und wusste, dass das Weltzeitalter von mir entfernt war. Ich habe nicht gesagt Hold my beer oder Das will ich auch, ich wusste, genau so fern wie die coolen Typen im Front war das für mich unerreichbar.

Ich weiß, wie Jungs sich fühlen, wenn sie das nicht bekommen, was sie gerne hätten und ihnen das nicht reicht, was sie haben. Das Unmögliche der Möglichkeiten. Man lernt also am besten Realitätsbezug. Deshalb spielte ich You’re my heart you’re my soul auf der Gitarre mit Nylonsaiten an, wenn ich eine in die Hand bekam. Das ist meine Lebenshaltung geworden. Immer so halbironisch, weil hinter der Ironie viel Wahrheit steckt. So wurde ich zum Dilettanten anstatt fleißig mein Instrument zu lernen. Fleiß und Disziplin. Bei der Bundeswehr hätte ich das gelernt oder auch gerade nicht.

Später hatte ich in einer WG einen Musiktherapeuten, der Jazz „verstand“, die Theorie dahinter. Von ihm bekam ich eine Einführung, schaffte es aber gerade mal The Girl from Ipanema zu begleiten.

Das Potential von Jazz ist unerschöpflich und höchst reizvoll, aber es erreicht mich nicht emotional, ich kann mich ihm nur öffnen. Das geht in gewissem Maße, ist gut für’s Gehirn, aber mein Herz bleibt kalt.

Bernhard ist jetzt Psychotherapeut in Berlin und hat auf seiner Website ein altes Foto von sich, auf dem er noch genau so aussieht wie früher. Eigentlich finde ich es doof, alte Fotos von sich als Profilbild einzustellen, bei ihm freue ich mich. Und vielleicht steckt da auch etwas dahinter, was auch mir so geht: Der junge Typ da bin ich eigentlich immer noch. Das mit dem Alkohol funktioniert nicht mehr. Bleiben Liebe und Jonglieren.

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