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18. January 2026 2 Min. Lesezeit

Zehn Scheiben abschneiden

Freitag hat sich meine Ballett-Gruppe zum Essen getroffen, um unseren Lehrer zu feiern, feiern, dass er weitergemacht hat.

Ich hatte ein Buch mitgebracht, indem er seine Biografie erzählte, als er noch junger Profi-Tänzer war. Ich hatte das Buch versehentlich von Amazon zugeschickt bekommen, bestellt hatte ich ein völlig anderes. Der Zufall ist so verrückt, dass ich es selbst kaum glauben kann.

Ich hörte mir die Geschichten meiner Mittänzerinnen an, M. saß neben mir, die kenne ich ja seit zehn Jahren, aber inzwischen hat sie ja Haus, zwei kleine Kinder und ist verheiratet. Computerlinguistin ist sie immer noch.

Egal, was ich mir vorstelle, was sie die anderen wohl so beruflich machen, sie sind Juristinnen, Ärztinnen, Akademikerinnen. Jedes Mal fällt mir die Kinnlade runter, weil ich sie ja im Unterricht erlebe und ich nie auf die Idee gekommen wäre. Das ist jetzt so oft passiert, dass es kein Zufall mehr ist. Ich habe sie so massiv falsch eingeordnet, dass ich mein Bild komplett neu organisieren muss. Ich habe mir ihre Geschichten angehört und muss vollkommen neu denken. Kein Witz. Mich hat das noch die ganzen Nacht und den gestrigen Tag beschäftigt. Es ist diese Kombination aus Sich-nicht-so-ernst nehmen und vollkommen klar und blitzgescheit ihren Weg gehen.

Ich habe M. erzählt, wie Männer so drauf sind, gerade in meinem Alter, das ist kein Klischee, das ist ein Problem; selbstverliebt in Macht und Kontrolle, stumpf, verbohrt, ignorant, unflexibel. Wenn nicht mal in der Literatur andere Geschichten erzählt werden, dann ist da was dran. Und nur in der Kunst finde ich noch andere Typen. Und das ist ja auch für mich der einzige Strohhalm. Ich rede ja immer auch von mir selbst, von dem, was ich dankend angenommen habe und mir zu eigen gemacht habe.

Aber wenn ich diese Frauen erlebe und höre, denke ich: gute Güte, ich will mir nicht nur eine, sondern zehn Scheiben von denen abschneiden. Das habe ich M. auch gesagt.

Seit zehn Jahren schneide ich mir diese Scheiben ab, was meine Identität in Frage stellte. Aber mein eigenes Mosaik habe ich neu zusammengestellt.

Ich habe mit T. drüber gesprochen, er konnte das nachvollziehen und hat ähnliche Erfahrungen gemacht.

Die Realität ist eine andere geworden, das sagt sich so leicht, aber für mich persönlich hat das Konsequenzen.

Wenn ich nach so einem Abend nicht umdenken und meine Vorstellungen und Erwartungen nicht in Frage stellen würde, wäre ich sehr dumm.

Die Scheibe, die ich mir abschneide, kann ich nur so auf den Punkt bringen: Geh deinen Weg, kümmere dich nicht darum, was andere sagen, hör auf dich selbst, du hast genug Unterstützung. Mein Leben ist ein Auskommen: Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank, Freunde und Familie und immer wieder neue Menschen kennenlernen. Immer in Bewegung bleiben. Hör auf deinen Körper und halte dieses fantastische Biotop im Gleichgewicht.

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