Das Internet hat eine Illusion produziert. Die Illusion, dass Vernetzung dasselbe sei wie soziale Zugehörigkeit. Follower statt Freunde, Reichweite statt Resonanz. Das klingt fast abgedroschen, aber weil es einmal formuliert ist, heißt ja nicht, dass es damit erledigt sei. Es ist damit etwas formuliert, was uns jetzt und in Zukunft beschäftigen und verändern wird.
Wir wünschen uns Gruppen als Orte, wo man gesehen wird, akzeptiert, respektiert, toleriert, zugehörig. Das haben wir im Netz versucht abzubilden und dabei eine leere Luftnummer erzeugt. Hinter jedem Computer sitzt ein Mensch. Wir kommunizieren in Form von Text. Das ist sehr wenig und nur ein Teil dessen, was zwischen Menschen passiert. Begegnung heißt Reibung und manchmal noch Schlimmeres, manchmal sehr Schönes. Nur ist Textkommunikation etwas grundsätzlich anders als Begegnung und nicht nur eine andere Form.
Text, das ist wenig und viel zugleich. Nur ein extrem ungeeignetes Tool für Begegnung und Soziales.
Kontakt ersetzt keine Kommunikation. Kontakt entsteht durch gemeinsames Erleben, durch Körpernähe, durch Zeit, durch das Unplanbare. Man unternimmt etwas zusammen und weiß hinterher mehr über den anderen als nach hundert Nachrichten. Das ist keine Nostalgie, das ist Anthropologie. Das Internet hat das eliminiert, zu einer Nebensache gemacht.
Ich habe mich zweimal in Berlin mit Menschen aus dem Internet getroffen und war auf Republica. Ich bin ziemlich sicher, wenn ich in Berlin wohnen würde, hätte ich heute noch Kontakt zu ihnen und würde mich ab und zu mal mit ihnen treffen. Deren Text- und Internetarbeit war zwar die (deren) Hauptsache, aber war die Begegnung eigentlich nebensächlich. Klar, mein Verbindungspunkt war die Musik, aber auch Feminismus, weil das Thema jemand mitbrachte.
Sprache kann Soziales nicht abbilden und nicht formen, wie man es gerne hätte. Man kann schreiben "Schön, dass du da bist" und denken: Leck mich.
Inklusive Sprache schließt exklusives Verhalten nicht aus.
Es ist auffällig, dass das Wort Gastfreundschaft im realen eine Bedeutung hat, im Internet aber kar keinen Sinn hat. Auch nicht in Büchern oder sonstigen Texten.
Und jetzt durch die KI merken wir, dass sogar die Aussage: "Hinter jedem Computer sitzt ein Mensch" ebenfalls eine Bedeutung hat, die jetzt in Frage gestellt wird, die jetzt neu bewertet wird. KI zwingt uns, zu klären, was Mensch ist.
Im realen Raum gibt es Architektur, Türen, Vorräume, Flure, Empfangsräume, Schwellen, Begrüßung, Orientierung. Das Internet hat diese Architektur nie entwickelt. Es gibt Zugänge, man ist einfach drin oder draußen. AOL: Ich bin drin. Wo?
Und Gruppen im Netz haben sich entsprechend verhalten, mehr oder weniger freundlich auf die Regeln verwiesen. Wenn ich so einen Raum real betreten würde, wäre ich sofort wieder draußen. Gastfreundschaft ist eine Praxis, kein Vokabular.
Man kann die inklusivste Sprache verwenden und trotzdem eine Gruppe haben, die sich nach innen organisiert und nach außen abschottet.
Jugendsprache, Soziolekte und Dialekte können sich auch absichtlich abgrenzen. Sprache verbindet ja keineswegs automatisch. Auch nicht, wenn sie es bestmöglich versucht. Sprache kann offenbaren und verbergen und verlogen sein. "Kommt rein , ihr Lieben, hier gibt es Speis und Trank." Nee, danke, wir gehen lieber zu Mäckes, sagen Hänsel und Gretel.
Gruppeninstinkte, Revierlogik, das Verhältnis und Verhalten zu Fremden, die Fragen "Wie verhalte ich mich in Gruppen" und "Wie verhalten sich Gruppen mir gegenüber", das sind zentrale Fragen, die man immer schon klären musste, nur ist das Internet nicht der richtige Raum darfür, weil es den Raum dafür gar nicht gibt und geben kann, weil Sprache und Daten und Bilder keinen Raum bilden. Nur über Analogien gibt es Ähnlichkeiten.
Das kann erleichternd sein, ich setze mich an den Rechner, um Pause vom Sozialen zu haben. Reale Treffen haben eine Intensität, die das Digitale nie hat. Im Guten wie im Schlechten. Zugehörigkeit bedeutet Reibung.
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