Zurück
16. January 2026 5 Min. Lesezeit

Maßstabsrealismus

Ich lasse mir morgens ab und zu die Weltlage von Perplexity zusammenstellen. Das ist natürlich schockierend und ernüchternd und zutiefst verwirrend, weil die Diskrepanz zwischen meiner tatsächlichen Situation (Ich liege gemütlich im Bett und trinke Kaffee) und den Geschehnissen kaum größer sein kann.

Es wäre ziemlich dumm, diese beiden Dimensionen zusammenzubringen, indem man alles auf seine Situation bezieht, indem man sich als Mit-Verursacher dieser Verhältnisse sieht. Ist mein Kaffee womöglich Schuld an dieser Misere? Es ist ja keine falsche Selbsteinschätzung, wenn ich sage: Ich lebe eigentlich ziemlich vernünftig, nicht, weil ich so ein toller Typ bin, sondern, weil ich darauf achte.

Meine ganzen Mühen und Entbehrungen im Leben zahlen sich jetzt aus, weil ich sagen kann: Irgend etwas ist doch ziemlich gut gelaufen, und dafür bin ich nicht einfach bloß dankbar, sondern das habe ich realen Personen zu verdanken, denen ich, wenn es mir möglich ist, tatsächlich auch danke. Das mache ich, konkret und ganz bewusst.

Ich glaube, da läuft gerade eine Diskussion vollkommen krumm und schief, weil es nur um Macht und Moral und meine Hood oder Peer-Group und die anderen geht. Komisch, in meiner Realität hat das kaum Bedeutung, nur in den Medien. Oder, die Menschen um mich herum denken so, aber sie verhalten sich vernünftig. Und das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Ich finde mich und meine Umgebung ziemlich vernünftig.

Zurück zur Diskrepanz von Weltlage und Realität.

Vor hundertfünfzig Jahren hat man gedacht, dass Vernunft und Technologie die Welt in Kombination verbessern wird. Wir müssen nur die hässlichen, tierischen Anteile in uns domestizieren, uns an den positiven natürlichen Bedingungen orientieren, in die Technologien investieren, die unsere klugen Ideen verwirklichen. In den 60er-Jahren wurde die Idee durch Computer erweitert, und wenn man alles Wissen der Welt in ein Computer packt, spuckt er irgendwann die richtigen Antworten für uns aus und sagt uns, was gut für uns ist.

Das soll gar nicht so zynisch überzogen klingen, wie ich es formuliere denn ganz falsch ist das ja nicht. Also, woran lag es? Woran liegt es?

Logisch, Systeme, die haben ja sowieso ihre eigenen Regeln wie eine Feuerqualle in der Ostsee. Und natürlich: Machtgewinn, Profit, Machterhalt, ideologische Feindbilder, kurzfristige Vorteile. Bingo! Bullshitbingo. Karteikarte fleißig auswendig gelernt.

Ach, und dann natürlich: Ängste, Gefühle generell.

Niemand will Ohnmacht und Menschen ohne Gefühle sind auf dem besten Weg zum freiwilligen Soziopathen. Das Bild vom Ökopazifisten versus die machthungrigen Vernichter ist gut für Comics, aber sonst unbrauchbar.

Wir alle haben die gleiche Ausstattung, also muss es eine generelle, brauchbare, eben, vernünftige Lebensweise geben. Und die ist in den meisten Fällen sogar bereits vorhanden. Emotionen und Vernunft ist kein Gegensatz, Emotionen sind die Grundlage vernünftigen Handlens.

Woran also liegt es? Was sind die persönlichen Stellschrauben?

Perplexity sagt:

Kurzfristiger Nutzen: Das Gehirn ist stark auf unmittelbare Belohnung ausgerichtet; langfristige Vernunft (Klima, Frieden, Schulden) verliert oft gegen kurzfristigen Vorteil.​

Auch wieder so eine Pauschalantwort. Was heißt das ganz konkret am Verhalten und an den Entscheidungen an einer Person nachgewiesen? Und wie würde sich das langfristig ernsthaft nachweisbar unterscheiden? Ich denke dass dieses Belohnungssystem vor allem dem eigenen Körper schadet. Und vom eigenen Körper zum Schaden für die Umwelt zu kommen, halte ich für extrem zynisch und extrem überzogen.

Kognitive Verzerrungen: Bestätigungsfehler, Gruppendruck, Schwarz-Weiß-Denken, Selbstrechtfertigung – all das sorgt dafür, dass Fakten nur so wahrgenommen werden, wie sie ins eigene Bild passen.

Absolut. Deshalb verweigere ich mich komplett Gruppen, die mich – ohne mich zu fragen – verpflichten wollen oder unabgesprochene Erwartungen an mich stellen, und rede niemandem nach dem Mund. Ich bin immer wieder über das Motiv erstaunt: Rede, wie ich rede, denke, wie ich denke, tu, was ich sage, denn das gibt mir Macht und Kontrolle. Ich denke aber nicht, dass "Kognitive Verzerrung" das Problem ist, sondern der Wert des Menschen und der Selbstwert und das Selbstwertgefühl. Wenn das an Macht und Kontrolle geknüpft ist, dann führt dies zu problematischem Verhalten, nicht für sich, vielleicht, aber für andere.

Identität und Zugehörigkeit: Menschen passen ihre Sicht an „ihre“ Gruppe an (Partei, Nation, Familie, Milieu). Was diese Gruppe schützt, fühlt sich „vernünftig“ an, auch wenn es objektiv destruktiv ist.

Dafür ist Politik da. Vernünftige politische Systeme gibt es. Da sind sich wohl alle einig, dass Macht und Politik und die zugrunde liegenden Motive, Absichten und Emotionen die extremen Probleme verursacht (autoritäre Regime).

Überforderung: Bei zu viel Komplexität, Unsicherheit und Informationsflut ziehen sich viele auf einfache Erzählungen zurück, weil das psychisch entlastet. Das ist nachvollziehbar, aber oft unvernünftig im Ergebnis.

Ja, unvernünftig, aber ob das wirklich tragische Folgen hat, bezweifle ich. Da müsste man auch konkreter werden.

Ich lebe verhältnismäßig vernünftig. Und wenn ich es mir richtig überlege und anschaue, dann würde ich sogar sagen: sehr viele Menschen leben verhältnismäßig vernünftig.

Nur wenn man denkt, es gäbe einfache, schnelle und eindeutige Antworten auf wichtige Fragen, dann macht man einen oben genannten Fehler.

Die Suche nach "den richtigen Stellschrauben" ist selbst das Problem. Die meisten Weltprobleme liegen außerhalb meines individuellen Einflussbereichs. Das ist keine Resignation, sondern Maßstabsrealismus.

Die Frage "Wie kann ich vernünftig handeln, ohne die Fehler zu machen, die zu Weltproblemen führen?" enthält möglicherweise einen kategorialen Fehler: Sie unterstellt eine direkte Linie vom individuellen Verhalten zu den Weltproblemen, die so nicht existiert.

2 Kommentare

Kommentar schreiben

Dein Name und deine Website werden gespeichert und öffentlich angezeigt. Formatierung: **fett** _kursiv_ [Text](URL)