Ich habe nie Adorno, Horkheimer oder Marx gelesen, aber deren Theorien sind so sehr in unser Denken, unsere Sprache, unsere Vorstellungen gesickert, dass es mir schwerfällt, nicht daran zu denken.
Darwin hat auch niemand gelesen, aber jeder kennt und denkt mit Kenntnis der Evolution. Oder Freud.
Wenn ich Kritische Theorie schreibe, dann meine ich also nicht die Texte, sondern das Denkklima, das aus ihnen entstanden ist.
Ich denke, dass diese Theorien auf einer Makroebene etwas veranschaulichen, was nur schwer zu begreifen war. Sie haben etwas intellektualisert, und durch die Digitalisierung wurde diese Vorstellung noch befördert, nämlich, dass wir es immer mit einem System zu tun haben, das eine Art Eigenleben führt und nur der Mensch mit seinem Denken, das sich im Gehirn abspielt, aus diesem System befreien und emanzipieren kann und dann frei ist. Und wenn diese befreiten Menschen sich verbinden und begegnen, wird alles gut.
Ich fand diesen Grundgedanken immer attraktiv, auch ohne die Schriften zu kennen oder das Thema studiert zu haben, entsprach das meinem Denken und meinen Vorstellungen. Ich merkte aber auch, was für eine lebensfremde Sackgasse das werden kann. Mir ist das näher als mir lieb ist. Mein Gefühl sagt mir aber, dass da was faul ist. Und genau so muss ich dem begegnen, nicht intellektuell, denn so bleibe ich in dem Denken, sondern in dem ich die Welt genauer um mich herum betrachte.
Ich kenne die Diskussionen: Man liest von einer Gewalttat, versucht, sich ihre Motive und Gründe zu erklären, erkennt, dass es jeder sein könnte, auch der Nachbar, und verdächtigt den Nachbarn, zumindest theoretisch. Und irgendwie ist theoretisch alles möglich. Das ist keine Emanzipation, das ist ein neues Gefängnis. Die Kritische Theorie hat einen Generalverdacht und macht sich unagreifbar, weil sie sich nie an der Realität messen lassen muss, weil sie sich mit nichts Messbarem befasst.
Daraus hat sich eine kulturelle Selbstverständlichkeit entwickelt:
- Ironie als Standard (Menschen sind grundsätzlich peinlich)
- Permanente Distanz
- Verdachtshaltung (Da steckt was dahinter. Jemand profitiert. Der nutzt seine Privilegien aus.)
- Dekonstruktion als Reflex
- Meta-Ebene als sicherer Ort
Das ist schick und in Filmen, in Serien, in Gesprächen und in der Art, wie „smarte“ Menschen reden, trainiert.
Die Digitalisierung beschleunigt es:
Digitales Leben ist kritisch-theoretisches Leben:
1. Permanente Selbstbeobachtung:
- Ich kuratiere mein Selbstbild
- Ich dokumentiere mein Leben
- Jeder Moment wird zur Repräsentation
2. Alles ist Text, alles ist analysierbar:
- Gefühle werden zu Emojis (kodiert, nicht gelebt)
- Beziehungen werden zu Daten (Likes, Messages, Patterns)
- Der Körper wird zum Fitness-Tracker-Output
3. Keine echte Nähe:
- Zoom-Gespräche: Du siehst dich selbst sprechen (permanente Dissoziation)
- Dating-Apps: Menschen als swipbare Profile
- Social Media: Gefühle als Performance für ein Publikum
4. Emotionalität gilt als Kontrollverlust:
Wer Gefühle zeigt, bietet eine Angriffsfläche. Wir erwarten von anderen Authentizität. Wir haben nicht bloß ein komisches Gefühl, wir werden ständig getriggert, praktisch emotional überfallen.
Es ist als gäbe es eine Parallelwelt der Emotion, in der man sie selbst am besten nicht hat, außer, sie werden als Wert und Ware eingesetzt.
Eine direkte, affektive, körperliche Auseinandersetzung, gilt als geradezu dumm.
Das ist der Trick der Macht: Wenn man definieren kann, was als „intelligent“ gilt, hat man gewonnen. Und die Definition ist:
- Distanziertheit gilt als klug
- Emotionalität gilt als dumm
- analytisch gilt als überlegen
- körperlich gilt als niedrig
Und wer profitiert? Menschen, die sich nicht emotional auseinandersetzen müssen. Menschen, die nicht berührbar sein müssen. Menschen, die Kontrolle behalten.
Ich glaube, dass viele das erkannt haben, ich glaube, dass es da ein Umdenken gibt. Ich stelle das in den letzten vier, fünf Jahren fest. Ich kann das nicht belegen und habe das nicht gesammelt, aber es begegnet mir immer wieder.
Die Kritische Theorie wollte Herrschaft aufdecken. Sie ist selbst zur herrschenden Denkform geworden, aber nicht als befreiende, sondern als lähmende. Sie hat uns zu Beobachtern gemacht, nicht zu Akteuren. Sie hat uns zu Kommentatoren gemacht. Und die Digitalisierung hat das perfektioniert.
Ich glaube, dass diese Zeit vorbei ist.
Ich versuche, den letzten Resten dieses kritischen Denkens einen Platz und Raum zu geben, aber in meiner imaginierten WG sind das bloß ungebetene Besucher, die man nicht mehr groß bewirtet und wartet, bis sie von selbst gehen.
Ich will nicht ständig auf etwas vorbereitet sein und argwöhnisch sein, sondern echtes Fehlverhalten schnell erkennen und isolieren.
Ich könnte jetzt schreiben: zurück zum Körper, zur direkten Begegnung. Aber das nützt als einfache Formel gar nichts und wird sofort zur nächsten Selbstoptimierungsformel. Männer rennen ins Gym, um sich für Begegnungen fit zu machen. Oder die körperliche Begegnung wird als Mittel eingesetzt, ist nicht einvernehmlich oder wird zur Gefahr für Menschen. Genau das ist die Keimzelle, der Moment, an dem man anfängt, nachzudenken, zu analysieren, zu systematisieren und zu erklären. Man will sich ja wappnen, schützen und auf Situationen einstellen. Man merkt schon: Kriegsmetaphern.
Ich weiß nicht, wie der Weg aussieht, aber ich glaube, er führt zu Formen körperlicher, menschlicher Begegnung, die nicht therapeutisch oder optimierend sind, aber verändernd, die strukturiert sind, wiederholbar und niedrigschwellig.