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12. Dezember 2025 7 Min. Lesezeit

Mein Körper erzählt mir keine Geschichten

Män­ner ler­nen nicht „du bist der Größ­te“. Män­ner ler­nen: „Du musst der Größ­te sein, um über­haupt etwas wert zu sein.“

Es ist eine medi­al ver­brei­te­te Ver­ein­fa­chung, dass Jun­gen mit Selbst­be­wusst­sein und Frau­en mit Zurück­hal­tung erzo­gen wer­den. Die Wirk­lich­keit ist kom­ple­xer: Männ­li­che Sozia­li­sa­ti­on bedeu­tet nicht Ermäch­ti­gung, son­dern kon­di­tio­na­len Wert. Du bist nur okay, wenn du per­formst, gewinnst, stark bist. Nicht „du bist gut“, son­dern „du musst gut sein, sonst bist du nichts“.

Die Dis­kus­si­on über Männ­lich­keit kreist oft um Macht, Domi­nanz, Kon­trol­le – als wären das Pri­vi­le­gi­en, die Män­ner ein­fach genie­ßen. Aber was, wenn die­se Mus­ter nicht nur Aus­druck von Macht sind, son­dern auch Ant­wor­ten auf Angst? Angst vor Bedeu­tungs­lo­sig­keit, vor Wert­lo­sig­keit, vor dem Ver­schwin­den im sozia­len Raum.

Kon­troll­ver­lust wird nicht als Nie­der­la­ge erlebt, son­dern als Aus­lö­schung der Iden­ti­tät. Und vie­len Män­nern wird sys­te­ma­tisch abtrai­niert, Bedürf­tig­keit, Angst, Ver­zweif­lung zu füh­len und zu kom­mu­ni­zie­ren. Wenn die­se Gefüh­le durch­bre­chen, bleibt oft nur Wut.

Das ist kei­ne Recht­fer­ti­gung. Es ist Beschrei­bung.

Eine Spra­che ist ver­lo­ren gegan­gen, näm­lich die des Kör­pers und der Bewe­gung. Alle Kunst­for­men die­ser Art wer­den als neben­säch­lich und unnütz betrach­tet. Sie kos­ten Geld und brin­gen nichts. Bes­ten­falls die­nen sie der Unter­hal­tung.

Das erklärt auch, war­um vie­le Dis­kus­sio­nen so abs­trakt und vom Kör­per los­ge­löst wir­ken: Uns fehlt kol­lek­tiv die Übung, dif­fe­ren­ziert über kör­per­li­che Erfah­rung zu spre­chen. Wir haben die Spra­che dafür ver­lernt.

Interozeption

Der Kör­per ist nicht neu­tral. Er ist ein akti­ver Fak­tor.

Bal­lett und Con­tem­po­ra­ry sind kör­per­lich sehr anspruchs­voll für mich und jedes Mal eine Her­aus­for­de­rung. In jeder Stun­de ler­ne ich nicht nur Tech­nik, son­dern etwas über mich. Ich habe mit Kampf­sport ange­fan­gen, aber gemerkt, dass ich mei­ne Kraft und Ener­gie nicht gegen irgend etwas rich­ten woll­te. Mich hat allei­ne die Ele­ganz einer Bewe­gung fas­zi­niert.

CYLOB – Rewind [HD]

Man braucht im Kampf­sport die Fokus­sie­rung der Kraft auf einen Punkt, und die­se Art von Bewe­gungs­kur­ve war nicht mei­ne Spra­che. Ich habe da ein­fach schlicht­weg kein Land gese­hen. Es pass­te bei­na­he, die Ener­gie­kur­ve ist bei mir nur eine ande­re.

Beim Tan­zen bin ich umge­ben von ca. 30 Frau­en in ver­schie­de­nen Grup­pen. Wir machen alle das­sel­be, und jeder fühlt sich anders. Trotz­dem mer­ke ich, dass es gut ist und vor allem pas­send ist, wenn ich mich dort als Mann sehe und erle­be. Das ist nicht nur das Anneh­men einer Rol­le, son­dern tat­säch­lich eine Aus­ge­stal­tung mei­ner Mög­lich­kei­ten. Was das also bedeu­tet, liegt in mei­ner Macht und Fähig­keit, mich aus­zu­drü­cken und zu gestal­ten. Ich habe mehr Bein­mus­keln als die meis­ten Frau­en dort, das war es aber auch schon, es ist eine bei­läu­fi­ge Tat­sa­che, der man kei­ne gro­ße Beach­tung schenkt. Wir haben sehr gro­ße Frau­en dort, auch das ist eine kör­per­li­che Tat­sche, die gewis­se Kon­se­quen­zen hat und Ein­fluss auf deren Hal­tung und Erfah­rung hat, wir machen aber kei­ne Leicht­ath­le­tik dort, nur ab und zu mal ein paar gro­ße Sprün­ge. Es sind ein­fa­che kör­per­li­che Tat­schen, mit denen man dort per­sön­lich leben und umge­hen muss. Auf der Büh­ne will man nicht kör­per­li­che Unter­schie­de in Extrem­form sehen, son­dern Mehr­deu­tig­kei­ten, Mög­lich­kei­ten und Wider­sprü­che, weil Tanz Kunst ist und kein Sport.

Tanz ist für mich das radi­ka­le Auf­be­geh­ren gegen die Ver­ein­nah­mung des Kör­pers durch Sport, Poli­tik und eine Kul­tur, die ein­engt. Das bedeu­tet nicht tota­le Offen­heit, das wäre das ande­re Extrem, ohne Form gibt es kei­ne Gestal­tung, und wer allem aus­weicht, flieht vor Kom­ple­xi­tät und Wider­spruch. Frei­heit als Feig­heit.

Es geht nicht dar­um, dar­in ein All­heil­mit­tel zu sehen, son­dern nur um ein wei­te­res, per­sön­li­ches Ele­ment zum bes­se­ren Selbst­ver­ständ­nis. Bei Musik erkennt man den Grad an Indi­vi­dua­li­tät und Per­sön­lich­keit sofort, weil sie grö­ße­re Ver­brei­tung hat.

RED CARPET, ent­re gla­mour et art : HOFESH SHECHTER en créa­ti­on (Hofesh Shech­ter in the stu­dio)

Wenn Men­schen sagen „Kraft fühlt sich gut an“, dann ist das nicht fal­sches Bewusst­sein oder toxi­sche Sozia­li­sa­ti­on. Es ist eine ech­te kör­per­li­che Erfah­rung, die jeder machen kann.

Der Unter­schied liegt weni­ger im Erle­ben selbst, als viel­mehr dar­in, wie es kul­tu­rell inter­pre­tiert und kana­li­siert wird. Das Pro­blem ist nicht, dass Kraft sich gut anfühlt. Das Pro­blem ist, wenn Kraft zum ein­zi­gen Modus der Selbst­be­haup­tung wird. Wenn sie nicht modu­liert wird durch Empa­thie, Selbst­re­fle­xi­on, die Fähig­keit, Schwä­che zu ertra­gen.

Ich weiß, dass das albern klingt, aber Gym­nas­tik und Gesund­heit waren mal geschlechts­un­ab­hän­gi­ge The­men, in denen wirk­lich gute Tech­ni­ken ent­wi­ckelt wur­den mit und für ganz nor­ma­le, durch­schnitt­li­che Kör­per. Spä­tes­tens in der Reha oder Phy­sio­the­ra­pie begeg­net man ihnen wie­der.

Die sexuelle Dimension

Ich den­ke, dass Frau­en und Män­ner sich hier oft ein Rät­sel sind, weil das, was sie füh­len, nicht zu dem passt, was sie öffent­lich äußern wür­den oder sich erlau­ben wür­den.

Nir­gend­wo wird die Span­nung zwi­schen Nar­ra­tiv und Kör­per inten­si­ver als in der Sexua­li­tät.

Der Kör­per spricht hier am lau­tes­ten, und oft sagt er nicht das, was man soll­te. Was einen erregt und was sich rich­tig anfühlt, ist oft nicht ega­li­tär, nicht poli­tisch kor­rekt, und nicht das, was man sich aus­ge­sucht hät­te.

Der Kör­per spricht nicht in Begrif­fen von Eman­zi­pa­ti­on. Er spricht in Span­nung und Ent­span­nung, Erre­gung und Befrie­di­gung, Nähe und Distanz. Oft will er Din­ge, die sym­bo­lisch mit Macht zu tun haben, nicht weil man jeman­den unter­wer­fen will im poli­ti­schen Sin­ne, son­dern weil das kör­per­li­che Mus­ter sind, die Inti­mi­tät und Ver­trau­en aus­drü­cken kön­nen.

Ero­ti­sche Macht ist nicht das­sel­be ist wie poli­ti­sche Macht.

Das Problem der vereinfachenden Umwelt

Mas­sen­me­di­en sind ein Reso­nanz­raum für unbe­wuss­te Moti­ve. Sie grei­fen rea­le Span­nun­gen auf und ver­ein­fa­chen sie zu kon­su­mier­ba­ren Geschich­ten. Man hat es hier mit Eti­ket­ten und Halb­wahr­hei­ten zu tun.

Kom­ple­xe sozia­le Phä­no­me­ne wer­den zu nar­ra­ti­ven For­meln ver­dich­tet. Die­se For­meln wer­den medi­al ver­brei­tet, gewin­nen emo­tio­na­le Kraft, wer­den zu Glau­bens­sät­zen. Men­schen rich­ten ihr Selbst­ver­ständ­nis danach aus, auch wenn die For­meln nicht stim­men oder nur halb stim­men.

Was hier erhel­lend wirkt, kann etwas ande­res, tie­fer lie­gen­des ver­schlei­ern. Wir sind umge­ben von Nar­ra­ti­ven, die schnel­le Ant­wor­ten lie­fern, kla­re Feind­bil­der, ein­fa­che Iden­ti­tä­ten, und selbst wenn man sie durch­schaut, wir­ken sie.

Gestaltung statt Lösung

Ich habe kei­ne Lösung für das alles, aber ich habe eine Beob­ach­tung: Der Kör­per ist nicht Schick­sal. Er ist auch nicht irrele­vant. Er ist Aus­gangs­punkt für Gestal­tung.

Die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zei­gen: Neu­ro­na­le Ver­schal­tun­gen kön­nen sich mas­siv ver­än­dern. Hor­mo­nel­le Rück­kopp­lungs­schlei­fen kön­nen modu­liert wer­den, durch Pra­xis, Medi­ta­ti­on, bewuss­te Bewe­gung. Das Ner­ven­sys­tem ist plas­tisch. Die Fra­ge ist nicht, ob man sich ver­än­dern kann, son­dern wie.

Man kann sich nicht aus dem Kör­per her­aus­den­ken. Man kann sich sei­ne Wün­sche nicht aus­su­chen. Aber man kann ler­nen, mit ihnen umzu­ge­hen. Das beginnt damit, sich selbst nicht zu belü­gen. Nicht an etwas zu glau­ben, was nicht stimmt, nur um den Schmerz und die uner­füll­te Sehn­sucht nicht zu füh­len.

Ehr­lich sein dar­über, dass der Kör­per nicht eman­zi­piert wer­den kann. Dass er sei­ne eige­nen Rhyth­men hat, die oft nicht in pro­gres­si­ve Nar­ra­ti­ve pas­sen.

Ehr­lich sein dar­über, dass Kraft sich gut anfühlt, und dass das nicht bedeu­tet, sie miss­brau­chen zu wol­len.

Ehr­lich sein dar­über, dass Männ­lich­keit (wenn wir das Wort über­haupt benut­zen wol­len) kei­ne klar defi­nier­ba­re Sache ist, son­dern ein Bün­del von kör­per­li­chen Erfah­run­gen, kul­tu­rel­len Erwar­tun­gen und indi­vi­du­el­len Gestal­tun­gen.

Die Alter­na­ti­ve zu den ver­ein­fa­chen­den Nar­ra­ti­ven ist nicht eine kom­ple­xe­re Theo­rie. Es ist eine Pra­xis. Eine Pra­xis der Auf­merk­sam­keit für den eige­nen Kör­per. Eine Pra­xis der Modu­lie­rung von Kraft. Eine Pra­xis der bewuss­ten For­mung des­sen, was ohne­hin da ist.

Ob Kraft zur Domi­nanz wird oder zur Gra­zie, ob Kon­trol­le zur Rigi­di­tät wird oder zur Prä­zi­si­on, ob Ver­letz­lich­keit zur Aus­lö­schung wird oder zur Ver­bin­dung, das ist kei­ne Fra­ge der Bio­lo­gie und kei­ne Fra­ge der Sozia­li­sa­ti­on allein. Es ist eine Fra­ge der bewuss­ten Pra­xis.

Die­se Pra­xis hat kei­nen Namen und kei­ne Metho­de, die für alle gleich wäre. Für mich ist es das Bal­lett. Für ande­re ist es viel­leicht Kampf­kunst (nicht als Kampf, son­dern als Weg der Selbst­er­kennt­nis), Medi­ta­ti­on, kon­tem­pla­ti­ve Bewe­gung, Musik, The­ra­pie. Nicht der kom­pe­ti­ti­ve Sport mit sei­nem Fokus auf Sieg und Domi­nanz – das repro­du­ziert oft nur die Mus­ter, die das Pro­blem sind – son­dern Prak­ti­ken, die Auf­merk­sam­keit für den Kör­per leh­ren, Modu­la­ti­on von Kraft, bewuss­te For­mung des­sen, was ohne­hin da ist.

Das Ent­schei­den­de ist: Der Kör­per wird nicht ver­leug­net und nicht ver­göt­tert. Er wird als Mate­ri­al ver­stan­den, das geformt wer­den kann. Nicht als Schick­sal oder lee­re Lein­wand, son­dern als leben­di­ger, for­men­der und form­ba­rer Aus­gangs­punkt für ein Leben, das man selbst gestal­ten kann.

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