Als ich meine alte Grandmaster-Flash-Platte auflegte und durchhörte, hörte ich sofort, dass sie sich grundsätzlich von modernen Musikproduktionen unterscheidet.
Das war an der Platte besonders auffällig, weil die Songs aus sehr unterschiedlichen Klangquellen bestehen: Vocals, Gitarre, Bass, Drumcomputer, Samples, Keyboards und Synthesizer, Bläser.
Die Stimmen brüllen manchmal laut und übersteuert rein, wie es eben klingt, wenn jemand sehr nah oder weiter entfernt am Mikrofon steht. Die einzelnen Klangquellen wirken nicht vollständig aufeinander glattgezogen. Sie behalten etwas von ihrem eigenen Charakter, ihrer eigenen Dynamik und ihrem eigenen Frequenzspektrum. Der Drumcomputer klingt nicht fett, wie man es heute oft kennt. Er klingt nicht künstlich knackig, sondern trocken und präzise. Samples grätschen in den Track.
Die Platte klingt lebendig, wie eine Aufführung im Studio. Natürlich ist sie eine produzierte und gemischte Studioaufnahme, aber die Spuren wirken weniger wie zu einem kontrollierten Gesamtklang verschmolzen. Die Eigenheiten der einzelnen Klangquellen bleiben hörbar.
Was generell an vielen alten Platten auffällt und mit den digitalen Produktionsmöglichkeiten immer weniger wurde, ist der eigene Raum, den jede Klangquelle im Gesamtbild einnimmt. Man sieht sie praktisch vor sich: Menschen, die an Instrumenten und Geräten Musik machen.
Das ist heute nicht mehr in derselben Weise der Fall. Ein moderner Mix ist häufig ein sehr bewusst konstruiertes, perfektioniertes Klangbild. Instrumente werden voneinander separiert und klanglich so bearbeitet, dass sie sich möglichst wenig gegenseitig verdecken. Dazu werden beispielsweise Frequenzbereiche mit EQ bearbeitet und Dynamik mit Kompressoren kontrolliert. Gerade die Vermeidung von Frequenzmaskierung ist ein wesentlicher Bestandteil des modernen Mixings.
Wenn ich mir zum Beispiel Moon Music von Coldplay anhöre, merke ich, dass ein Piano so nicht klingt. Nebengeräusche werden aufgenommen oder erhalten, um den Eindruck eines echten Instruments zu vermitteln, aber der Frequenz- und Dynamikbereich ist stark bearbeitet. Das gilt auch für den Gesang und seine Nebengeräusche.
So ist Musik nicht mehr nur Aufnahme, sondern auch Information. Natürlichkeit ist nicht mehr unbedingt das Ergebnis einer möglichst natürlichen Aufnahme, sondern akustische Information, die Natürlichkeit symbolisiert.
Auf einer alten Pianoaufnahme hätte man Pedal-, Anschlag- und Saitengeräusche nicht in dieser Weise hervorgehoben gehört. Dafür hätte man das Piano so gehört, wie es sich anhört, wenn man nicht sein Ohr direkt ans Holz hält, sondern auf einem Stuhl im Raum sitzt. Bei Keith Jarrets Köln Concert hört man Nebengeräusche als Nebengeräusche, beiläufig.
So etwas soll heute Nähe, Intimität und Natürlichkeit symbolisieren. Für mich ist das eine unangenehme Performance von Emotionalität. Das ist ist schön, wirklich, das ist gar nicht der Punkt. Es geht um die Produktion.
Ich müsste mir mal die alte Platte A Single Man von Elton John aus dem Jahre 1978 besorgen und das Stück „Song for Guy“ anhören, wie Intimität mittels Piano, Drumcomputer und Synthesizer klingen. Jedenfalls wird da kaum etwas über Klang, Geräusche oder Dynamiken erzeugt, die nicht zu den Klangquellen gehören.
Manchen Bands und Songs tut diese Art der Produktion vielleicht ganz gut. Manche Musik hätte vor vierzig Jahren wahrscheinlich dünner oder matschiger geklungen. Das wäre der Preis gewesen, aber vielleicht auch reizvoll unvollkommen.
Früher klang nicht alles besser, im Gegenteil. Es gab große Unterschiede: Platten, die nicht gut klangen, und Platten, die außerordentlich gut klangen. Es wurde geradezu mit „schlechtem“ Klang gespielt, wie bei Hüsker Düs Candy Apple Grey oder Joy Divisions Schlagzeug.
Andersherum formuliert, haben alte Platten aus diesem Grund immer wieder ihren eigenen Reiz, weil sie einen anderen Klangeindruck vermitteln. Keine Platte klang damals wie Joy Division.
Natürlich wurde massiv durch Produktion eingegriffen, mit Hall, Delay und Equalizer gearbeitet, aber eben viel gröber und nicht durchgängig.
Hüsker Dü und Joy Division sind ja extra dünn produziert, sie sind also kein Beispiel für Natürlichkeit, sondern ein Beispiel dafür, wie anders individuelle Produktion klang.
Ich denke, man merkt den Unterschied zwischen früher und heute sofort, wenn man sich eine Trever Horn-Produktion wie zum Beispiel für Frankie Goes To Hollywood anhört und irgend eine moderne Großproduktion mit x Beteiligten. Das Besondere ist Standard geworden.
Als ich am Wochenende mal wieder viele verschiedene alte Platten durchhörte, war ich überrascht, dass viele Alben auf eine andere Weise „gut“ klangen: nämlich realistisch, echt, natürlich. Und individuell. Jede Klangquelle atmet in ihrem eigenen Raum, das ist mein Höreindruck von Platten auf meiner Anlage.
Ich hatte mir überlegt, meine alten Alben zu posten, aber mir ist aufgefallen, dass nicht das Cover interessant ist oder die Farbe des Vinyls, sondern der Klang. Und das darf ich leider nicht posten. So bleibt das Anhören meiner alten Platten weiterhin eine ganz persönliche Angelegenheit.
Vielleicht ist das der Grund für die „Performance von Persönlichkeit“ aktueller Musik und Produktionen. Man muss in der anonymen Masse des Streams Persönlichkeit und Individualität als akustische Information mittransportieren.
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