Wir haben hier in der Nähe zwei Projekte, die das Mieten eines Ackerstücks zum Anbau von Gemüse anbieten, ein Paar, das selbstgezogenes Gemüse verkauft und Bauern, mit Direktverkauf ihrer Erzeugnisse in Selbstbedienungsshops. Der Supermarkt bietet ebenfalls regional gewachsenes Gemüse und Obst an. Wir essen viel Obst und Gemüse, weil es einfach vor der Tür liegt. Auch, wenn ich lieber in einer Großstadt wohnen würde, haben wir gute Lebensbedingungen, weil wir von allem etwas haben.
Wir hatten auch schon Tomatenpflanzen im Garten. Der Ertrag war überschaubar und reichte für eine Woche. Sie schmeckten wirklich gut und waren winzig klein. Ich möchte mich nicht von Kartoffeln wie vor dreihundert Jahren ernähren. Auf van Goghs Gemälde „Die Kartoffelesser“ sind die Kartoffeln so groß wie Maronen. Gerne mal „Größe der Kartoffeln über Jahrhunderte“ recherchieren.
Es geht beim Selbstanbau auch um’s Prinzip. Man will den Prozess des Wachsens miterleben und begleiten. Man ist für das Ergebnis mitverantwortlich. Man ist sogar verantwortlich dafür, ob die Pflanzen sterben oder leben.
Und genau das ist der Grund, weshalb ich keine Tomaten anpflanze: zu viel Prinzip, zu wenig Ertrag. Wenn ich etwas tue, brauche ich sinnvolle Verhältnisse. Ich habe das gesamte Ökosystem im Blick über den Balkon und Garten hinaus. Tomatenanbau ist nicht viel mehr als ein Ritual, sinnvoll nur für einen selbst.
„So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“. Es geht nicht darum, wirklich einen Baum zu pflanzen, sondern auf die Bedeutung hinzuweisen.
Ein ganz neuer Aspekt ist, seinen Körper in einem gestalterischen Prozess wieder zu erleben. Die Produkte des Silicon Valley befriedigen Bedürfnisse, die Wesentliches unbefriedigt lassen, und jetzt entwickeln sie Produkte, die dem menschlichen Denken ähneln. Noch nie haben sich Menschen in dieser Weise so schnell und grundlegend in ihren Grundfesten erschüttert gefühlt, als denkender Körper, als arbeitender Körper und als gestaltender Körper. Vor allem, wenn sie damit aufgewachsen sind. Ihnen ist eine der Grundlagen der bisherigen Identität entzogen.
Indem wir uns auf unseren Körper berufen und uns selbst erleben, grenzen wir uns von allem Digitalen ab. Die Frage ist nur, ob man das in einem sinnvollen, ausgewogenen Verhältnis tut, oder in extremer Abgrenzung.
Dass digitale Inhalte jetzt mit der Ernährung verglichen werden können, zeigt, wie stark die Verbindung von Körper und digitalen Denkprozessen auch ohne implantierten Mikrochip ist. Es ist als wäre ein Virus im Umlauf wie bei einer Pandemie, einer, der uns, wie in alten Science-Fiction-Filmen, zu ausgetauschten Wesen macht. Bodysnatchers war eine Metapher auf die McCarthy-Ära und betraf die Dämonisierung von Menschen und die Frage, wem man noch vertrauen kann, bis hin zur Entmenschlichung.
Wir stecken in einer Situation, die unser Vertrauen in andere und unser Selbstverständnis als Mensch in Frage stellt. Die entscheidende Frage ist, ob es manchmal nicht bloß um ein paar Tomaten für das Abendbrot geht.