LLMs können Texte nicht nur schreiben, sondern auch prüfen, das ist ihr unterschätzter Nutzen. Ich lasse alle meine Texte prüfen und je präziser die Regeln wurden, desto besser wurden die Ergebnisse.
Ich habe Claude.ai zwei Textüberprüfungs-Plugins schreiben lassen, eines davon überprüft nach stilistischen Regeln:
Essay-Struktur – Regeln für den klassischen Essay: Argument, Entwicklung, Haltung.
- These im Eröffnungsabsatz – Der erste Absatz muss eine erkennbare These, Beobachtung oder Frage enthalten – keinen Gemeinplatz.
- Absatz-Funktion – Jeder Absatz hat eine Funktion: Argument, Einwand, Beispiel, Wendung, Zuspitzung. Kein Absatz darf bloß wiederholen.
- Schluss öffnet oder zuspitzt – Der Schlussabsatz darf nicht zusammenfassen oder wiederholen. Er muss öffnen, zuspitzen oder eine Wendung vollziehen.
- Erkennbare Perspektive – Ein Essay hat eine Haltung – keine neutrale Berichterstattung. Die Perspektive des Autors muss erkennbar sein.
- Einwand berücksichtigt – Ein guter Essay kennt den stärksten Gegeneinwand und geht auf ihn ein.
- Übergänge zwischen Absätzen – Übergänge zwischen Absätzen müssen den gedanklichen Schritt sichtbar machen – keine bloßen Aneinanderreihungen.
Hamburger Verständlichkeitsmodell – Vier Dimensionen nach Lohbach & Schulz von Thun: Einfachheit, Gliederung, Kürze, Anreize.
- Sprachliche Einfachheit – Einfache Wörter bevorzugen. Kurze Sätze. Bekannte Begriffe.
- Innere Ordnung – Klare Struktur, erkennbarer roter Faden, logische Reihenfolge.
- Kürze und Prägnanz – Kein Wort zu viel. Keine unnötigen Wiederholungen. Kein Aufblähen.
- Anregende Elemente – Weckt der Text Interesse? Gibt es Beispiele, Bilder, überraschende Wendungen?
Wolf Schneider – Deutsch für Profis: Klarheit, Kürze, Kraft.
- Satzlängen-Rhythmus – Abwechslung zwischen kurzen und längeren Sätzen. Keine Monotonie.
- Satzlänge – Sätze über 20 Wörter sind zu lang.
- Schachtelsätze – Kein Satz mit mehr als einer Nebensatz-Ebene.
- Substantivierungen – Substantivierungen vermeiden – Verben sind stärker.
- Füllwörter – Füllwörter streichen: eigentlich, grundsätzlich, letztendlich, gewissermaßen, sozusagen, irgendwie, natürlich, selbstverständlich.
- Passiv-Konstruktionen – Passiv nur wenn kein Akteur bekannt oder Passiv rhetorisch notwendig.
- Fremdwörter – Fremdwörter nur wenn kein treffendes deutsches Wort existiert.
- Verb-Stellung – Das Verb gehört möglichst früh in den Satz. Kein Verb-Aufschub ans Ende.
Das Plugin bindet sich im Editor ein, ich kann das Prüfmodell und die einzelnen Prüfkriterien auswählen. Es liefert mir anschließend einen ausführlichen Bericht.
Stilregeln kann man kritisieren, weil starre Stilregeln noch keinen guten Text ausmachen und nicht originell sind.
Auch an LLMs kann man kritisieren, dass Textanalyse ja selbst ein Denkprozess ist und man somit das Denken an sich abgäbe, aber es handelt sich hier um eine Prüfung und für eine Prüfung braucht es immer zwei. Man bringt ja auch sein Auto zum TÜV.
Eine wichtige Überprüfungsmethode, die das Plugin nicht leistet ist: Drüber schlafen und mehrmals mit Abstand lesen.
Nach mehreren Überarbeitung ergibt die Prüfung dieses Textes nach dem Hamburger Modell:
„Was fehlt: Der Text bleibt weitgehend referierend. Kein konkretes Vorher/Nachher-Beispiel – etwa ein Satz, den das Plugin tatsächlich verbessert hat. Das wäre der stärkste Beweis für die Eingangsthese und würde den Text sofort lebendiger machen. Auch die Regelwerk-Liste (Essay-Struktur, Hamburger Modell, Schneider) steht als trockene Aufzählung da, ohne dass ein Satz zeigt, was diese Modelle konkret am Text verändern.“
Das kann man so lassen, Aufbau und Verständlichkeit sind nach den Überarbeitungen besser. Es reicht, wenn ich das weiß.