In-Your-Face
Mir ist das mal aufgefallen, als ein Podcast Voicenachrichten vom Smartphone einspielte. Der Klang war kaum auszuhalten, nicht, weil er schlecht war, sondern hyperoptimiert. Als würde jemand eine rohe Karotte neben meinem Ohr essen.
Dieser Sound ist in gemäßigter Form Standard in der Musikproduktion geworden, manchmal zusammen mit einer anderen Art zu singen, nämlich zu weit hinten, was überakzentuiert, aber auch gepresst klingt. So als wolle man teilweise möglichst laut flüstern, um es extrem zu formulieren.
Diese laute Nähe ist gewollt. Es wirkt besonders intensiv, besonders persönlich. Der Gesang ist im Kopf und um den Kopf herum bildet sich eine künstliche Klanglandschaft. Die Musik hat gar nicht die Absicht, natürlich zu klingen, so als würde man vor einer Band sitzen.
Heute wird oft extreme Kompression über den Gesang gelegt, so dass jede Frequenz gleich laut klingt, extrem laut und nivelliert. Die Frequenz wird beschnitten, Bässe werden abgeschnitten, Frequenzen um 2 kHz und 5 kHz überbetont. Künstliche Obertöne lassen die Stimme „crisp“ klingen.
Wir hören eine Hyper-Stimme. Sie ist verständlicher, näher und knackiger als jede echte menschliche Stimme es jemals sein könnte. Das erzeugt Nähe. Sie singen direkt in unser Ohr und Gehirn, permanent, penetrant.
Die Produktion des Gesangs orientiert sich an den schlechtesten Wiedergabegeräten: den Smartphones, und da alles darüber gehört wird, gibt es keine Ausnahmen mehr.
Ab Mitte 80ern orientierten sich Produktionen, die ein großes Publikum erreichen wollten, an tragbaren Cassettenabspielgeräten, an Walkmen und Boombox. Das, was wir abfällig als Popproduktion bezeichnen würden. Madonna, Pet Shop Boys etc. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das habe ich von einer Referenz-CD, die von einer audiophilen Zeitschrift herausgegeben wurde. Als Beispiel nahmen sie Whitney Houston. Das reichte irgendwann nicht mehr, also fing man mit dem Remastering an.
Vor den Cassetten gab es Fernsehshows mit Live-Musik, die auch noch über den schrottigsten, kleinsten Lautsprecher klingen mussten. Stevie Wonders Auftritt in der Johnny Cash-Show ist ein Beispiel dafür, wie die Übertragung kleinster Geräusche über das Mikro zu hören sind, was im Fall von Stevie Wonder seine Stimmqualität auf beeindruckend wiedergibt.
Jetzt ermöglichen Plugins und KI die Übertragung und Erzeugung solcher ästhetischen Qualität, allerdings ausnahmslos und bis zur endlosen Perfektion überproduziert.
Ja, auch das ist (leider) Pop.
Dieser „In-Your-Face“-Sound ist die konsequente Weiterentwicklung des Loudness War hin zu einem Presence War.
Ich bin auf der Suche nach Alben mit guter Musik und natürlichem Klang. Madison Cunninghams Revealer und Lana del Reys Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd sind gute Beispiele.