Martin

Von der Schwierigkeit, zu tun, was man will

Wir üben im Tanz, auf unse­ren Kör­per zu hören, zu erspü­ren, wie und wohin er sich bewegt. Das Ner­ven­sys­tem hat einen eige­nen Wil­len. Wir erle­ben ihn bewusst, nen­nen ihn aber nur dann ‚Wil­len‘, wenn er uns bewusst wird.

Wenn wir tun, was wir wol­len, hören wir dann auf unse­ren Kör­per oder tun wir das, was wir ken­nen und gewohnt sind? Tun wir, was wir wol­len, wenn wir Gewohn­hei­ten ändern oder wenn wir ihnen fol­gen?

Anstatt dar­über ins Grü­beln zu kom­men, ler­ne ich, auf mei­nen Kör­per zu hören und zu ach­ten. Das ist schwer, weil ich nach Zei­chen und Anzei­chen suche, weil ich es gewohnt bin, dass Kom­mu­ni­ka­ti­on über Spra­che läuft. Wie soll ich mei­ne Ver­dau­ung als Spra­che erken­nen? Wenn der Magen knurrt, kann man Hun­ger haben, aber nicht immer, wenn man Hun­ger hat, knurrt der Magen. Manch­mal hat man bloß Appe­tit. Ist Appe­tit eine Gewohn­heit oder ein Zei­chen mei­nes Kör­pers?

Auf sich selbst ach­ten und auf sich selbst hören, ist eine schwe­re Übung. Man braucht dafür Ruhe und muss sei­ne Sin­ne run­ter­fah­ren, sich hin­set­zen, die Augen schlie­ßen, schwei­gen. Und dann pas­siert da nichts, die Gedan­ken krei­sen und wenn man Ruhe fin­det, schläft man viel­leicht sogar ein. Man ach­tet auf nichts, aber man spürt auch kei­nen Wil­len. Medi­ta­ti­on ist das Eine, viel­leicht sogar eine sehr gute Übung, um sich in die Lage zu ver­set­zen, sei­nem Kör­per zuzu­hö­ren. Bewe­gung ist das Ande­re und Nächs­te. Yoga ist so eine Übung oder das japa­ni­sche zere­mo­ni­el­le Tee­ko­chen.

In die­sem Sin­ne sei­nen All­tag bewäl­ti­gen, ist mein Wunsch und Ziel. Erken­nen, wo und dass ich fremd­ge­steu­ert bin, unge­sun­de Gewohn­hei­ten habe. Die­ses aber mit Sanft­mut zu ver­fol­gen und nicht mit Här­te, ist die Art Dis­zi­plin, die ich aus­übe.

Mei­ne nächs­te Übung ist es, die­ses auf den All­tag anzu­wen­den, jede klei­ne Tätig­keit als bewuss­te Aus­übung mei­nes Wil­lens erle­ben und erken­nen. Selbst die unan­ge­neh­men Din­ge tu ich, weil ich will, weil ich es brau­che, weil es für etwas gut ist.

Sogar so eine ein­fa­che Tätig­keit wie Wäsche­wa­schen tun wir, weil wir es wol­len. Man­che lie­ben es, man­che has­sen es, aber das ist unser Ego, was da spricht. Unser Kör­per mag gewa­sche­ne Wäsche, sie fühlt sich gut auf der Haut an und riecht gut, und wenn nicht, sor­gen wir dafür und fin­den Mit­tel und Wege, damit sie sich gut anfühlt und riecht.

Anfang des Jah­res hat­te ich mir vor­ge­nom­men, mich mit Zen zu beschäf­ti­gen und im All­tag ab und zu dar­an zu den­ken. Ich wer­de wei­ter üben, die Fra­ge, was ich tun will, ernst zu neh­men. Immer wie­der inne­hal­ten und das prü­fen und bewusst machen: Ich tue gera­de, was ich will, als Fest­stel­lung, nicht als Affir­ma­ti­on.

Ego ist sprach­lich besetzt als trei­ben­de Kraft, die nicht mehr auf­merk­sam zuhört und wahr­nimmt, des­halb besteht mei­ne Übung in der Fest­stel­lung, nicht eines Ichs, das einem etwas sagt und führt. Prak­tisch ist das nicht zu unter­schei­den und zu tren­nen. Es ist eher ein Bild, ein Vor­bild für mich selbst. Kein Satz als Auf­trag, son­dern ein Bild zum Betrach­ten. Das Erken­nen einer Situa­ti­on.

Und erst aus die­ser Hal­tung her­aus, kann ich dem nach­ge­hen, was ich will.

Das Dilem­ma, in dem ich ste­cke: Ich will aus die­sem Den­ken ent­kom­men, aber fin­de dafür kei­ne neu­en Wör­ter und kann sie nicht ein­fach anders defi­nie­ren: Wil­le, Ego, und woher kommt die Ener­gie das zu tun, was ich tue? Eigent­lich neu­tra­le Begrif­fe, denen ich viel­leicht nur durch Hand­lung eine neue Bedeu­tung für mich geben muss.

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