Kannst Du mir einen Jahresrückblick schreiben?
Martin.cafe – Jahresrückblick 2025
2025 war ein Jahr der intensiven Auseinandersetzung. Nicht im Sinne von Konflikten, sondern im Wortsinn: Du hast dich mit Themen auseinandergesetzt, sie aufgebrochen, neu zusammengesetzt. Dein Blog zeigt das eindrucksvoll in 287 Artikeln, die ein bemerkenswert klares Bild zeichnen.
Die große philosophische Wende
Im Dezember hast du es auf den Punkt gebracht: „Kritische kritische Theorie“. Du hast das Denken kritisiert, das sich selbst für kritisch hält. Das war kein akademisches Spielchen, sondern eine persönliche Befreiung. Die Kritische Theorie, schreibst du, hat uns zu Beobachtern gemacht statt zu Akteuren, zu Kommentatoren statt zu Lebenden. Ironie als Standard, permanente Distanz, Verdachtshaltung – und die Digitalisierung hat das perfektioniert.
Deine Antwort darauf ist körperlich, nicht theoretisch. Du suchst nicht nach einem neuen Gedankengebäude, sondern nach Formen der Begegnung, die „strukturiert sind, wiederholbar und niedrigschwellig“. Das Ballett ist genau das. Bewegung als Antwort auf zu viel Kopf.
Medienkritik neu gedacht
Mit „Sich wappnen mit True Crime“ hast du eine elegante Kritik der Medienkritik geschrieben. Statt die Rezipienten zu pathologisieren, hast du gefragt: Was brauchen die Menschen wirklich? Die Antwort aus der Forschung: Selbstschutz, Empathie, Gerechtigkeitssinn. Nicht Sensationsgier, wie so oft unterstellt wird. Diese Haltung – erst zuhören, dann urteilen – zieht sich durch viele deiner Texte.
Der männliche Körper in der Krise
„Mann, dein Körper wird nicht mehr gebraucht“ ist vielleicht dein wichtigster Text zum Thema Männlichkeit. Nicht die Frage nach dem richtigen Bild von Männlichkeit ist das Problem, schreibst du, sondern die Erfahrung, dass der Körper keine Funktion mehr hat. Historisch war der männliche Körper über seinen Zweck definiert, diese Funktionen sind verschwunden oder an Maschinen delegiert. Was bleibt, ist ein Körper ohne Aufgabe.
Deine Antwort: sinngebende und freudvolle Bewegung. Ballett ist für dich nicht Nostalgie oder Eskapismus, sondern eine Praxis, die dir zeigt, dass es dich gibt. Du bist 59 geworden dieses Jahr, und statt das zu beklagen, tanzt du.
Der innere Jugendliche
Neben dem psychologischen Konzept des „inneren Kindes“ hast du das Konzept des „inneren Jugendlichen“ entwickelt. Das ist mehr als eine nette Metapher. Du argumentierst, dass unser Nervensystem ein Leben lang plastisch bleibt, dass Nervenzellen permanent Verbindungen suchen, festigen und lösen. Der innere Teenager muss raus und sich mit anderen verbinden, denn Selbstfindung geschieht im Austausch. „Verständnis, Austausch, Resonanz … das sind keine Zustände, sondern Handlungen.“
Die Musik
24 Alben hast du als deine Favoriten des Jahres aufgelistet – von The Weather Station über Sleep Token bis zu Florence + The Machine, von Skrillex bis Saint Etienne. Das ist kein kohärenter Geschmack, sondern ein Sammelsurium, wie du selbst schreibst. Aber genau darin liegt die Ehrlichkeit: Du dokumentierst, was dich wirklich begleitet hat, nicht was zusammenpasst.
Das Songwriting kam unerwartet dazu. Irish Music bleibt Teil deiner Musik, Funk und Soul, Blues und Rhythm and Blues sind stärker geworden. Du spielst Bass in einer Band und schreibst deutsche Texte über Liebe und persönliche Kämpfe. Diese Verletzlichkeit ist bemerkenswert für jemanden, der so viel über die Probleme von Distanz und Ironie schreibt.
WordPress und die technische Seite
Im Juli bist du zurück zu WordPress gewechselt, nachdem Commento.io Probleme hatte. „Ein Blog ohne Kommentarfunktion ist nur halb so schön“, schreibst du. Das ist bezeichnend: Du willst keine Einbahnstraßen-Kommunikation, sondern echten Austausch. Die Kommentare unter deinen Artikeln zeigen, dass das funktioniert.
Du hast auch mehrere Artikel über WordPress-Theme-Entwicklung geschrieben, über Performance-Optimierung und Code. Diese technische Seite deines Blogs ist nicht bloße Spielerei, sondern Teil deiner Auseinandersetzung damit, wie wir digital kommunizieren.
Die Jahresbilanz
In deinen „Vorsätzen für 2026“ ziehst du Bilanz. Musik, Lesen, Spielen, Tanz, Fotografie, Selbstwahrnehmung. Aber am Ende kristallisieren sich drei Hauptfächer heraus: Selbstwahrnehmung, Schreiben, Musik. Und ein Zusatzfach: Spielen.
Das Bücherkaufverbot ist gescheitert (natürlich), aber du hast den Druck rausgenommen. Spielen willst du mehr – einfache, schnelle Spiele ohne viele Regeln. Yoga soll zur echten Routine werden. Und Selbstwahrnehmung übst du ganz konkret: Herzschlag, Atmung, Verdauung. Nicht als Gedankengebäude, sondern als körperliche Praxis.
„Ich übertone den Körper und kritisiere Text“, schreibst du. Aber die Kommentare haben dich zum Nachdenken gebracht. Im Schreiben steckt Potenzial. 287 Artikel im Jahr 2025 – davon 44 allein im Dezember – zeigen: Du hast dieses Potenzial genutzt.
Was bleibt
2025 war für dich ein Jahr der Klärung. Du hast dich von Denkmustern befreit, die dich eingeschränkt haben. Die Kritische Theorie, die Ironie, die permanente Distanz – das ist nicht mehr dein Modus. Stattdessen: Körper, Begegnung, Resonanz. Nicht als neue Optimierungsformel, sondern als gelebte Praxis.
Dein Blog ist dabei kein Selbstgespräch, sondern ein Ort der Begegnung. Die Kommentare zeigen, dass Menschen dir zuhören und antworten. Das ist selten geworden in der digitalen Welt. Dein Blog ist ein „Vollblog“, wie du selbst geschrieben hast – ein Ort, an dem gedacht, gefühlt, getanzt und gespielt wird.
Für 2026 hast du keine großen Vorsätze. Vielleicht ist das die größte Veränderung: Du machst einfach weiter. Tanzen, schreiben, Musik machen. Der Körper als Antwort auf eine Welt, die zu sehr im Kopf stattfindet.
Bin ich gegen Ende nachdenklicher geworden? Es wirkt so, als hätte das meiste gegen Ende des Jahres stattgefunden, aber vielleicht war das auch der Prozess: erleben, sammeln, verarbeiten, Schlüsse ziehen, Konsequenzen für morgen.
Ja, du bist gegen Ende deutlich nachdenklicher geworden, aber du hast recht mit deiner Deutung: Das ist ein Prozess, kein Bruch. Die Themen waren das ganze Jahr über da, aber sie haben sich verdichtet und sind expliziter geworden.
Schon im Februar beschäftigst du dich mit Männlichkeit und Körper (das Betty-White-Zitat über „grow a vagina“), im April suchst du nach Geschichten über „Normalos“ – nach Literatur, in der „love is real, friendship is lasting, ideas matter“, eine klare Absage an Ironie und Distanz. Im Juni schreibst du „Sich in Ordnung bringen“ – dort ist schon alles drin: Die Kritik an zu viel Theorie, die Frage „Wie kommt man aus dem Text wieder ins Leben?“, die Betonung von „Machen“ und „Tun“ als konkrete, körperliche Begriffe.
Die großen Synthesen im Dezember – „Kritische kritische Theorie“, „Der innere Jugendliche muss Resonanz finden“ – sind dann tatsächlich das, was du beschreibst: Schlüsse ziehen, Konsequenzen formulieren. Der Dezember mit seinen 44 Artikeln liest sich wie eine intensive Verarbeitungsphase.
Was auffällt: Die Texte werden gegen Ende länger und grundsätzlicher. Im Frühjahr hast du mehr kurze Beobachtungen geschrieben – über Musik, Filme, Alltag. Das sind die Sammelphase. Gegen Ende des Jahres werden die Texte dann synthetisierend, sie ziehen Linien, formulieren Positionen. „Kritische kritische Theorie“ ist fünf Minuten Lesezeit, das ist für einen Blogpost schon ein Essay.
Gleichzeitig bleibt das Konkrete erhalten: Selbst in „Vorsätze für 2026“ am 31. Dezember schreibst du nicht abstrakt, sondern ganz praktisch – Herzschlag, Atmung, Verdauung. Yoga, Tanz, Musik. Die Reflexion führt nicht weg vom Körper, sondern hin zu ihm.
Deine Deutung trifft es: erleben, sammeln, verarbeiten, Schlüsse ziehen, Konsequenzen für morgen. Das Jahr hatte einen Rhythmus, und der Blog zeigt ihn.