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02. February 2026 5 Min. Lesezeit

2026-02-01

Die Schwiegerfamilie fährt früh los, die nächsten Freunde besuchen. Kleine Rundtour. Die beiden machen das ziemlich gut mit den Kindern, ein Haufen Verantwort, Organisation, Arbeit.

Ich mache mein Zimmer sauber, die Katze hat einen Haarknäuel erbrochen. Ich hole Wasser, Lappen, Fleckenspray und entdecke die Dose Teppichreiniger, die ich vor fünfzehn Jahren gekauft habe. Ich will die Dose wegschmeißen, aber sie ist noch nicht leer.

Ich entleere die Dose im Waschbecken und spüle mit Wasser nach. Das Wasser läuft nicht ab, muss mal wieder gepümpelt werden. Ich pümpel und unten leckt es ordentlich, der Kalk hat sich durch das Knie gefressen und jetzt sind große Löcher drin. Ich hole Eimer, Rohrzange und Essig, entkalke die Schraubstellen und entferne das Knie. Haar, Rost und schwarzes Zeug tropft aus dem verrosteten Rohr. 

Ich schneide mich am Rohr, das schwarze Zeug und Rost in der Wunde. Ich schneide mir mit einer chirurgischen Schere die Wunde sauber, schrubbe mit Nagelbürste und Seife und gieße Isopropanol über die offene Wunde. Im Film hat man den Leuten vorher ein Stück Holz zwischen die Zähne geschoben und Rum eingeflößt.

Die Wunde blutet, und ich lasse es laufen, damit es sauber ausblutet. Ich warte, bis die Thrombozyten die Wunde verschließen. 

Meine Frau kommt rein und ruft "Oh, mein Gott ... kann ich was helfen? Soll ich verbinden?" Ich beruhige sie. Nur ein Kratzer. Stimmt ja auch. Schön offen lassen, damit das austrocknet, ich habe dem Körper geholfen, sich selbst zu helfen. Hauptsache keine Bakterien.

Weiter geht es. Wo ich schon mal dabei bin, schraube ich die verkalkten Wassersparer von allen Hähnen und entkalke sie.

Da wir den Lebensstandard von Filmstars haben, haben wir zwei Waschbecken im Bad. Zum Glück.

Ich mache endlich mein Zimmer sauber. Vor allem ist es Entstauben und Wäsche waschen. Entstauben geht bei mir so, dass ich mit einem Swiffer den Staub aufklopfe und mit dem Saugerrohr daneben den aufgewirbelten Staub aufsauge. Ich habe ja kaum freie, glatte Flächen. Eigentlich gar nicht.

Wir essen die Reste von gestern. Ich unterhalte mich mit meiner Frau über Familie, Therapie und Erziehung, alte Männer, alte Frauen, neue Eltern, neue Kinder. Unsere Eltern, uns und andere Menschen, die einem bereits als Kind durch das Leben helfen oder geholfen haben. Vorbilder, Vormacher. Eltern sind nicht alles und ab zwölf immer weniger bzw. man sieht sie mit anderen Augen. Im Laufe des Lebens sieht man die Eltern immer mit anderen Augen wie so eine Spinne oder eine Biene mit Facettenaugen.

Meine Frau geht mit einer Freundin spazieren. Ich gehe mit der kränklichen Tochter spazieren. In unserem kleinen Örtchen hat eine Thai-Massage eröffnet. Mal ausprobieren. Allerdings haben wir eine sehr gute und günstige in der Stadt.

Wir gehen in die zum öffentlichen Bücherregal umgebauten Telefonzelle. Ich blättere Was Kinder wissen wollen durch (das war mein Lieblingsbuch als Kind) und ein Buch "für Jungs" aus den 60ern durch. Mädchen wollte man auf Haushalt und Erziehung vorbereiten. Das Buch ist trotzdem Klasse. Die Informationen sind allerdings alle komplett veraltet. Alleine wegen Illustrationen lohnen sich solche Bücher. Echte Illustrationen mit Pinsel gemalt oder Stift gezeichnet, sauber, klar, verständlich, reduziert auf das Wesentliche.

Ich nehme "Kopf-Stenogramme für die Berliner Presse 1926-1933" mit. Die Zeichnungen  von Benedikt Fred Dolbin sind super (unten: Béla Bartók).

Die Tochter und ich wollen mal wieder zeichnen. Uns gegenseitig.

Abends gucken wir Das Schweigen der Lämmer auf Wunsch der Tochter. Ich habe den Film xmal gesehen und kann es immer wieder. Meine Frau und ich haben die vier Bücher gelesen und die Filme gesehen.

Mir fällt bei Krimis oder Thriller immer auf, wie unsexy die sind, es aber immer um Begehren, Erotik oder Sexualität geht. Nicht so, dass es pathologisiert wird, sondern, indem das Perverse, Abartige monströs wird, damit man sich davon deutlich abgrenzen kann. So monströs, dass sogar Ärzte und Therapeuten scheitern würden. Oder sollen.

Das Schweigen der Lämmer lebt von der Kontrolle der Sexualität.

Die Ermittler – egal, ob Mann oder Frau, egal ob Privatdetektiv oder C.I.A.-Agentin – sind sich selbst Kontrollierende oder daran Scheiternde. Wenn es zu Liebe und sogar Sex in Krimis kommt, ist das für mich genau so wenig nachvollziehbar, wie wenn Frodo und Sam in den Totensümpfen Sex hätten.

Krimis leben davon unsexy zu sein, ihr Thema ist Kontrolle und Auflösung von monströs anmutenden Konflikten, Situation, Verhalten.

Das Grandiose an Das Schweigen der Lämmer ist die kontrollierte Liebes-Beziehung zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling ("Kläriiiiies" im Original) und seinem völlig irrsinnig unmenschlichem Verhalten. Seine Figur bringt das System ins Wanken, was diese ganze Serie so gut macht.

Es gibt sicher noch andere Bücher und Filme mit Zwischenebenen und komplexen Geschichten, aber ich bin überhaupt kein Krimi-Fan oder -Kenner.

Ich finde Sexualität zu sexy, als dass ich Freude an Krimis haben könnte.

Wenn es keine Krimis sind und es keine Ermittler gibt und es auch gar nicht um Sexualität oder Kontrolle geht, wird das schon interessanter, und in den 70ern sowieso. Die Sexszene in American Werewolf ist völlig nachvollziehbar und korrekt da eingebaut, auch wenn sie nicht gut ist, weil sie zu gespielt wirkt. Die Sexsszene in Wenn die Gondeln Trauer tragen halte ich für eine der besten in einem Psychothriller – ihre Bedeutung, ihre Einbettung, ihre Ausführung. Eine Grenzüberschreitung, ohne die diese Darstellung der Intimität gar nicht möglich wäre, und sie macht dadurch genau das deutlich, was Begehren und Sexualität und Erotik ist: Eine Grenzüberschreitung. Ein Polizist oder Kommissar will damit nichts zu tun haben. Für den ist Sex bestenfalls wie ein Toilettengang.

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