Neunundfünfzig

Rück­blick, Durch­blick, Aus­blick. An mei­nem Geburts­tag schaue ich auf das Jahr zurück.

Ich habe mir im Leben immer Zie­le gesetzt, bes­ser gesagt habe ich die Ana­lo­gie des Zie­les ange­nom­men und nie abge­legt. „Der Weg ist das Ziel“ hat immer schon ange­deu­tet, dass da was schief dran ist, bis mir klar gewor­den ist, das die Ana­lo­gie Mist ist.

Der Begriff „Ziel“ beschreibt einen Punkt, nicht den Grund, wes­halb man sich auf den Weg macht. „Der Weg ist das Ziel“ macht es nicht bes­ser, weil man damit immer noch nicht weg von der Ana­lo­gie ist.

Ich habe immer nach Zie­len gesucht, mich an Zie­len ori­en­tiert, das war in Ord­nung, aber das passt nicht mehr.

Ich habe mei­ne Spra­che geän­dert, ohne es zu mer­ken, mich auf Taten und Hand­lun­gen und Tech­ni­ken und Dis­zi­pli­nen kon­zen­triert, Prak­ti­ken gepflegt, etwas kul­ti­viert, mei­ne Aus­rich­tung geän­dert, erkun­det und aus­pro­biert. Ich beschäf­ti­ge mich. „Schaf­fen“ bedeu­tet: gestal­ten, her­vor­brin­gen, tätig sein.

Ich kon­zen­trie­re mich auf Prak­ti­ken, und die sind alle unter­schied­lich und erfor­dern immer etwas ganz Eige­nes und Ande­res und ich bin immer mit ande­ren Men­schen zusam­men.

Ich ach­te auf Reso­nanz, ich ver­tie­fe, ich ent­fal­te, ich spie­le. Ich set­ze Gren­zen.

Gren­zen. Damit kom­me ich zu einem Pro­blem, das mich natür­lich auch in die­sem Jahr beschäf­tigt hat: Inter­na­li­sie­rung. Ich gebe Aus­sa­gen mit schlech­ten Absich­ten zu viel Raum und las­se die­se Men­schen in Gedan­ken wei­ter­re­den. Das nicht zu tun, ist mei­ne Übung. Ich neh­me das miss­bräuch­li­che Motiv dahin­ter sehr genau wahr, aber nicht ernst genug. Ich füh­le es genau, aber ich rede es klein. Ich rede mich damit klein. Das ist eine dum­me, alte Über­le­bens-Stra­te­gie, die mir mal gehol­fen hat. Jetzt ist es nicht mehr nötig und sogar schäd­lich.

Des­halb noch­mal den Satz. Ich wer­de ihn so lan­ge wie­der­ho­len, bis ich ihn aus­wen­dig kann:

„Was ihrem Ner­ven­sys­tem gut­tut, ist ein ande­rer Mensch. Lei­der ist er auch das, was ihm am meis­ten scha­den kann.“ (Link)

Ich kom­me zu den „Prak­ti­ken“.

Mein alter Kind­heits­traum wur­de wahr. Ich habe einen erns­ten Song geschrie­ben. Auch noch auf Deutsch. Zwei­ein­halb Songs sind jetzt fer­tig bezie­hungs­wei­se in Arbeit. Ich muss mich dem wie­der wid­men.

Die Tanz­auf­füh­rung die­ses Jahr war toll. Was für ein Grup­pen-Erleb­nis. Nächs­tes Jahr wird es kei­ne geben, das ist in Ord­nung. Für den Unter­richt viel­leicht sogar ganz gut. Ich neh­me wie­der Unter­richt bei mei­nem alten Bal­lett­leh­rer. Ich habe groß­ar­ti­ge Leh­rer, eine groß­ar­ti­ge Leh­re­rin und tol­le Grup­pen. Sehr viel Tanz die­ses Jahr, aber ich wer­de ein­fach immer noch bes­ser, was ich mei­nem Kör­per und mei­nen Leh­rern zu ver­dan­ken habe. So lang­sam bin ich für mei­nen Kör­per rich­tig dank­bar und fin­de ihn nicht mehr doof, lächer­lich und unzu­rei­chend, weil er irgend­wel­chen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen muss. Wie­der nur inter­na­li­sier­te. Weg damit. Wenn man sich sein Leben lang Häss­lich­kei­ten dies­be­züg­lich anhö­ren muss­te, bekommt man das nur schwer wie­der weg.

Bezie­hun­gen und Kör­per sind ein wich­ti­ges The­ma bei mir. Da hat sich viel bewegt oder bes­ser gesagt geklärt. Ich ver­ste­he mich selbst bes­ser und gehe bes­ser mit mir um.

Ich habe net­te neue Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf der Arbeit.

Der Frank­reich-Urlaub war toll und, ähn­lich wie Irland, muss immer wie­der reka­pi­tu­liert und sei­ne Wir­kung auf mich auf­ge­wärmt wer­den.

Ich habe eine neue Art zu schrei­ben ent­deckt. Es hat mir sehr gehol­fen, Figu­ren Stim­men zu geben, Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men, mei­ne unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. Den gehäs­si­gen Figu­ren habe ich den Miet­ver­trag gekün­digt. Ich habe ange­fan­gen, Geschich­ten zu schrei­ben. Das steckt in Kin­der­schu­hen, aber fühlt sich schon mal ziem­lich gut an.

Wir hat­ten zwei Kon­zer­te, die uns als Band zusam­men­ge­schweißt haben. Die Gesprä­che waren gut. Wir sind uns einig, was uns wich­tig ist.

Miguels Tod kam viel zu früh. Ich habe eine spe­zi­el­le Ein­stel­lung zum Tod, die auch mit der Tren­nung mei­ner Eltern als Kind zu tun hat. Men­schen leben in einer Zwi­schen­welt in mir, tod oder leben­dig. Das habe ich aber auch von mei­ner Mut­ter. Er fühlt sich ein­fach nie so ulti­ma­tiv an. Mei­ne Erfah­run­gen und Erleb­nis­se wäh­rend mei­nes Zivil­diens­tes im Kran­ken­haus, als ich für die Lei­chen zustän­dig war, haben auch viel zu mei­ner Ein­stel­lung und mei­nem Gefühl bei­getra­gen.

Mei­nen Geburts­tag mit dem The­ma Tod zu been­den, mache ich auch nur, weil es ein ehr­li­ches The­ma in mir ist. Mei­ne eige­ne Geburt hat wenig Bedeu­tung für mich, weil ich mich nicht dar­an erin­nern kann und es bloß prä­gen­de Ver­gan­gen­heit ist. Aber mei­nen Tod habe ich schließ­lich vor mir, wäre ja blöd, das zu negie­ren. Mei­ne eige­ne Geschich­te ist nicht so schön, aber hat ihr Gutes, weil mei­ne Eltern gute Men­schen sind bezie­hungs­wei­se waren. Sie konn­ten es nur nicht zei­gen oder sich so ver­hal­ten, weil sie selbst so viel Prä­gen­des, Schreck­li­ches erlebt haben. Das Leben ist unfass­bar schön, und mei­ne Auf­ga­be ist es, das Bes­te draus zu machen. Wir machen das schon ziem­lich gut mit­ein­an­der. Es muss halt per­ma­nent auf­ge­ar­bei­tet wer­den.

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