Rückblick, Durchblick, Ausblick. An meinem Geburtstag schaue ich auf das Jahr zurück.
Ich habe mir im Leben immer Ziele gesetzt, besser gesagt habe ich die Analogie des Zieles angenommen und nie abgelegt. „Der Weg ist das Ziel“ hat immer schon angedeutet, dass da was schief dran ist, bis mir klar geworden ist, das die Analogie Mist ist.
Der Begriff „Ziel“ beschreibt einen Punkt, nicht den Grund, weshalb man sich auf den Weg macht. „Der Weg ist das Ziel“ macht es nicht besser, weil man damit immer noch nicht weg von der Analogie ist.
Ich habe immer nach Zielen gesucht, mich an Zielen orientiert, das war in Ordnung, aber das passt nicht mehr.
Ich habe meine Sprache geändert, ohne es zu merken, mich auf Taten und Handlungen und Techniken und Disziplinen konzentriert, Praktiken gepflegt, etwas kultiviert, meine Ausrichtung geändert, erkundet und ausprobiert. Ich beschäftige mich. „Schaffen“ bedeutet: gestalten, hervorbringen, tätig sein.
Ich konzentriere mich auf Praktiken, und die sind alle unterschiedlich und erfordern immer etwas ganz Eigenes und Anderes und ich bin immer mit anderen Menschen zusammen.
Ich achte auf Resonanz, ich vertiefe, ich entfalte, ich spiele. Ich setze Grenzen.
Grenzen. Damit komme ich zu einem Problem, das mich natürlich auch in diesem Jahr beschäftigt hat: Internalisierung. Ich gebe Aussagen mit schlechten Absichten zu viel Raum und lasse diese Menschen in Gedanken weiterreden. Das nicht zu tun, ist meine Übung. Ich nehme das missbräuchliche Motiv dahinter sehr genau wahr, aber nicht ernst genug. Ich fühle es genau, aber ich rede es klein. Ich rede mich damit klein. Das ist eine dumme, alte Überlebens-Strategie, die mir mal geholfen hat. Jetzt ist es nicht mehr nötig und sogar schädlich.
Deshalb nochmal den Satz. Ich werde ihn so lange wiederholen, bis ich ihn auswendig kann:
„Was ihrem Nervensystem guttut, ist ein anderer Mensch. Leider ist er auch das, was ihm am meisten schaden kann.“ (Link)
Ich komme zu den „Praktiken“.
Mein alter Kindheitstraum wurde wahr. Ich habe einen ernsten Song geschrieben. Auch noch auf Deutsch. Zweieinhalb Songs sind jetzt fertig beziehungsweise in Arbeit. Ich muss mich dem wieder widmen.
Die Tanzaufführung dieses Jahr war toll. Was für ein Gruppen-Erlebnis. Nächstes Jahr wird es keine geben, das ist in Ordnung. Für den Unterricht vielleicht sogar ganz gut. Ich nehme wieder Unterricht bei meinem alten Ballettlehrer. Ich habe großartige Lehrer, eine großartige Lehrerin und tolle Gruppen. Sehr viel Tanz dieses Jahr, aber ich werde einfach immer noch besser, was ich meinem Körper und meinen Lehrern zu verdanken habe. So langsam bin ich für meinen Körper richtig dankbar und finde ihn nicht mehr doof, lächerlich und unzureichend, weil er irgendwelchen Vorstellungen entsprechen muss. Wieder nur internalisierte. Weg damit. Wenn man sich sein Leben lang Hässlichkeiten diesbezüglich anhören musste, bekommt man das nur schwer wieder weg.
Beziehungen und Körper sind ein wichtiges Thema bei mir. Da hat sich viel bewegt oder besser gesagt geklärt. Ich verstehe mich selbst besser und gehe besser mit mir um.
Ich habe nette neue Kolleginnen und Kollegen auf der Arbeit.
Der Frankreich-Urlaub war toll und, ähnlich wie Irland, muss immer wieder rekapituliert und seine Wirkung auf mich aufgewärmt werden.
Ich habe eine neue Art zu schreiben entdeckt. Es hat mir sehr geholfen, Figuren Stimmen zu geben, Perspektiven einzunehmen, meine unterschiedlichen Perspektiven. Den gehässigen Figuren habe ich den Mietvertrag gekündigt. Ich habe angefangen, Geschichten zu schreiben. Das steckt in Kinderschuhen, aber fühlt sich schon mal ziemlich gut an.
Wir hatten zwei Konzerte, die uns als Band zusammengeschweißt haben. Die Gespräche waren gut. Wir sind uns einig, was uns wichtig ist.
Miguels Tod kam viel zu früh. Ich habe eine spezielle Einstellung zum Tod, die auch mit der Trennung meiner Eltern als Kind zu tun hat. Menschen leben in einer Zwischenwelt in mir, tod oder lebendig. Das habe ich aber auch von meiner Mutter. Er fühlt sich einfach nie so ultimativ an. Meine Erfahrungen und Erlebnisse während meines Zivildienstes im Krankenhaus, als ich für die Leichen zuständig war, haben auch viel zu meiner Einstellung und meinem Gefühl beigetragen.
Meinen Geburtstag mit dem Thema Tod zu beenden, mache ich auch nur, weil es ein ehrliches Thema in mir ist. Meine eigene Geburt hat wenig Bedeutung für mich, weil ich mich nicht daran erinnern kann und es bloß prägende Vergangenheit ist. Aber meinen Tod habe ich schließlich vor mir, wäre ja blöd, das zu negieren. Meine eigene Geschichte ist nicht so schön, aber hat ihr Gutes, weil meine Eltern gute Menschen sind beziehungsweise waren. Sie konnten es nur nicht zeigen oder sich so verhalten, weil sie selbst so viel Prägendes, Schreckliches erlebt haben. Das Leben ist unfassbar schön, und meine Aufgabe ist es, das Beste draus zu machen. Wir machen das schon ziemlich gut miteinander. Es muss halt permanent aufgearbeitet werden.
Siehe auch:
Dann: Herzlichen Glückwunsch und immer drei Schritte Vorsprung vor den Dämonen.
! Lieben Dank!