Eine digitale Polymer-Welt aus Zeichen

Wenn über Com­pu­ter­tech­no­lo­gie, Inter­net oder KI gespro­chen wird, betrach­ten wir meist nur Teil­aspek­te. Wir haben Wor­te für ein­zel­ne Gerä­te, Diens­te oder Effek­te, aber kein Wort, kei­ne Vor­stel­lung für das Gesam­te, das unser Den­ken, unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on und unser Leben durch­dringt. Der gän­gi­ge Ver­gleich mit der Erfin­dung des Buch­drucks greift zu kurz, er erfasst vor allem sozia­le und kul­tu­rel­le Dimen­sio­nen, aber nicht die unsicht­ba­re, form­ba­re Sub­stanz der digi­ta­len Rea­li­tät.

„Digi­tal“ ist ein sol­cher Begriff. Er hebt die tech­ni­sche Sei­te her­vor, wie „Funk“ in „Rund­funk“, sagt aber nichts über die Inhal­te oder die Art, wie Men­schen den­ken, kom­mu­ni­zie­ren und leben. Er deckt Teil­aspek­te ab, benennt die Tech­no­lo­gie, doch das Gesamt­phä­no­men bleibt sprach­lich unsicht­bar.

Tref­fen­der scheint mir ein Ver­gleich mit der Ent­wick­lung syn­the­ti­scher Poly­me­re, und ähn­lich ver­hält es sich mit dem Begriff „che­misch“. Wie syn­the­ti­sche Poly­me­re ist die digi­ta­le Tech­no­lo­gie all­mäh­lich in alle Lebens­be­rei­che ein­ge­wo­ben, kom­plex, all­ge­gen­wär­tig und oft unbe­merkt. Sie durch­dringt unser Den­ken und Han­deln auf eine Wei­se, die wir nicht voll­stän­dig benen­nen oder fas­sen kön­nen.

Wie Kunst­stof­fe ist die digi­ta­le Tech­no­lo­gie all­mäh­lich in alle Lebens­be­rei­che ein­ge­wo­ben, kom­plex, all­ge­gen­wär­tig und oft unbe­merkt. Sie durch­dringt unser Den­ken und Han­deln auf eine Wei­se, die wir nicht voll­stän­dig benen­nen oder fas­sen kön­nen.

Beson­ders unheim­lich ist, dass nicht nur Spra­che und Den­ken, son­dern auch Per­sön­lich­keit, Cha­rak­ter und Pri­vat­sphä­re in die­se digi­ta­le Öffent­lich­keit ein­ge­bun­den wer­den. Wir sind nicht nur Nut­zer, son­dern Teil des Mate­ri­als, aus dem die­se Rea­li­tät gewebt wird. Dabei ver­ges­sen wir leicht, Den­ken ist mehr als Spra­che, es umfasst Bil­der, Bewe­gun­gen, räum­li­che Vor­stel­lun­gen und Intui­ti­on. Wer­den sprach­ba­sier­te Tech­no­lo­gien domi­nie­rend, könn­ten ande­re For­men des Den­kens ver­küm­mern oder sich in unbe­kann­te Rich­tun­gen ent­wi­ckeln.

So wie „Plas­tik“ zum Sam­mel­be­griff für alles Künst­li­che, Che­mi­sche, Nicht-Natür­li­che wur­de, fehlt uns noch ein Wort für die­se durch­drin­gen­de, form­ba­re und zugleich künst­li­che Welt der Zei­chen. Ein Begriff, der sowohl ihre Ver­hei­ßung als auch ihre Risi­ken trägt, die Leich­tig­keit, die Anpas­sungs­fä­hig­keit, aber auch die Lang­le­big­keit und die schwer abseh­ba­ren Fol­gen.

Eine digi­ta­le Poly­mer-Welt aus Zei­chen, so all­ge­gen­wär­tig, dass wir sie meist nur in Teil­aspek­ten wahr­neh­men, wie der Radier­gum­mi im 19. Jahr­hun­dert schon Kunst­stoff war, und nicht erst die Plas­tik­tü­te in den 70ern (damals noch gelobt wegen ihrer Wie­der­ver­wend­bar­keit).

Im All­tag reden wir über digi­ta­le Rea­li­tät genau­so frag­men­ta­risch. Wir spre­chen über Fir­men, Pro­duk­te, Diens­te: Tik­Tok, Meta, Goog­le – als wür­de man sagen: „Na, hast du heu­te wie­der dei­nen BASF-Pull­over an?“ oder „Isst du heu­te wie­der dei­ne Sym­ri­se-Gum­mi­bär­chen?“ Wir benen­nen Teil­aspek­te, nicht das Gesamt­sys­tem, obwohl es uns längst über­all durch­dringt.

Bild: Leonardo.ai

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