Moin ami

Man merkt mir an, dass ich Tou­rist hier bin. Ich habe das Gefühl, dass ich über­all wie ein Tou­rist aus­se­he, aber das ist ein ande­res The­ma. Wenn ich hier fra­ge, ob jemand Eng­lisch spricht, und sie es ver­nei­nen, wir­ken sie, als sei es ihnen unan­ge­nehm, fast ver­zwei­felt und trau­rig über die Unmög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Die Men­schen hier reden viel und ger­ne mit­ein­an­der. Sie wir­ken etwas reser­viert mir gegen­über, weil unsi­cher ist, ob wir in einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Fluss kom­men kön­nen.

Fran­zö­si­sche Gesprä­che sind hier wie ein Fluss, ele­gant ver­schmel­zen Klang und Spra­che. Es ist ganz offen­sicht­lich Small Talk, ein­fa­che, freund­li­che, wort­rei­che Gesprä­che.

Hin­ter uns fährt in jun­ger Mann schnell mit dem Rad an uns vor­bei, bremst vor uns scharf, rollt lang­sam zurück und beugt sich zu dem älte­ren Mann, der am Stra­ßen­rand sitzt run­ter. Sie geben ich die Ghetto­faust und unter­hal­ten sich ruhig und lan­ge.

Man nimmt sich Zeit und Raum für freund­schaft­li­che Gesprä­che.

Ich in trau­rig, dass ich kein Fran­zö­sisch spre­che, als ich in den wun­der­schö­nen Buch­la­den gehe. Es gibt eine gro­ße Ecke mit Gra­phic Novels und Man­gas. Die Ver­käu­fe­rin sprich Eng­lisch, ich fra­ge nach Bal­zac, sage, dass ich kein Fran­zö­sisch kann, aber viel­leicht ler­nen will. Sie führt mich zum Regal und drückt mir ihren Lieb­lings­ro­man, Illu­si­ons per­dues, in die Hand. Es sei zeit­los. Eigent­lich drückt sie mir alle Bücher von Bal­zac in die Hand, aber ich sage, ich neh­me Illu­si­ons per­dues. Ich werd es natür­lich nie­mals auf Fran­zö­sisch durch­le­sen, aber es wird mich viel­leicht moti­vie­ren, wie­der Fran­zö­sisch zu ler­nen. Bücher moti­vie­ren mich, durch ihr blo­ßes Dasein.

Bis heu­te bereue ich, dass ich damals Latein in der Schu­le gewählt habe, und nicht Fran­zö­sisch. Ich habe auf mei­nen Stief­va­ter gehört, auf des­sen Mei­nung ich damals viel gab. Das Argu­ment, Latein spä­ter für das Stu­di­um gebrau­chen zu kön­nen, hat­te mich über­zeugt. Es stimmt ja auch, ich hat­te Spaß am Latein und ein biss­chen was mit­ge­nom­men.

In Deutsch­land lei­de ich unter dem Ein­druck, dass Män­ner, wenn sie mit mir umge­hen, mich schon als Freund haben wol­len, aber dabei extrem ego­zen­trisch, stier und stumpf, also eng­stir­nig, immer etwas zu hef­tig, eben wenig ele­gant und zurück­hal­tend sind. Sie ver­su­chen, mich zu über­trump­fen durch Grö­ße oder Kraft oder Wis­sen. Als könn­ten sie mich nur akzep­tie­ren, wenn sie mir bäu­er­lich auf den Rücken klop­fen kön­nen oder intel­lek­tu­ell ein­bin­den. Ele­ganz und Küss­chen sind ihnen suspekt.

Ja, das Fran­zö­si­sche pflegt das Femi­ni­ne, das ist gepfleg­te Kul­tur. Und das gefällt mir, da pas­se ich rein, da füh­le ich mich wohl.

Kör­per, Geist, Kul­tur und Iden­ti­tät in Ein­klang brin­gen, dar­um geht es. Manch­mal fin­det man woan­ders pas­sen­de­re For­men.

Also, mein vier­ter Anlauf, Fran­zö­sisch zu ler­nen.