Wann immer ich auf Kunst treffe, die mir fremd ist, wird ein Prozess angestoßen, der folgendermaßen abläuft:
- Hemmungen, Vorbehalte, Aversionen
- Faszination des Skurilen
- Sinnlicher Genuss
- Aufgreifen der Frage, der Idee, der Formen und Einbinden in das vorhandene Wissen
Wenn weder Faszination, noch irgendeine Sympathie, die durch die Wahrnehmung ausgelöst wird, vorhanden ist, läßt es mich kalt und ich bleibe auf Stufe Eins.
Oskar Schlemmers Werke haben zum Beispiel nie den letzten Punkt bei mir erreicht. New Orders Video zu True Faith, das von seinem Triadischen Ballett inspiriert war, schon. Was natürlich an New Order lag.
Meine erste Begegnung mit zeitgenösischer Kunst war die der Achtziger. Modern war schick, Klassik war oll. Meine Vorstellungen waren simpel, frei und ohne Rahmen. Ich empfand das immer als beliebig und sinnlos. Einzig Design und Typografie lieferten Formen und Strukturen, an denen man sich abarbeiten konnte. Gebrauchskunst.
Erst seit vier Jahren beschäftige ich mich ernsthaft mit den Klassikern und den Prozessen des 19. Jahrhunderts in Malerei, Musik und Tanz.
Ich habe mich absichtlich chronologisch von hinten dem Tanz genähert, denn nur so bin ich seinen Formen nicht so hilflos ausgeliefert und muss mich nicht allein auf mein Geschmack verlassen, der sich ja doch bloß immer nur Wahrnehmender, nicht als Handelnder entwickelt hat.
Wenn ich mich also auf diese Weise Cunningham näher, dann merke ich, wie sich die Klassische Moderne anders darstellt und ich bewundere die Radikalität und Konsequenz seiner Arbeit: Bewegung und Musik sind unabhängig. Jegliche Form von Bedeutung oder Narration wird vermieden. Mimik und Gestik gibt es nicht.
Merce Cunningham wurde 1919 geboren. Er lernte die Martha-Graham-Technik und entwickelte seine eigene aus dem, was ihn störte. Der Prozess Moderner Kunst.

The dancers are not pretending to be other than themselves.
They are in a way realizing their identities through the act of dancing.
They are, rather than being someone, doing something.
Man kann sich seinem Werk also nur formalästhetisch nähern und man soll es sicher auch.
Diese Entpersonifizierung und Neu-Findung der Tänzer, den Körper nur als Instrument der Bewegung betrachtend, ist durchaus faszinierend für mich. Denn die wirklich großen Fortschritte macht man ja immer dann wenn man sagt: Vergiss jetzt mal, wer Du bist oder glaubst zu sein. Lernen bedeutet immer auch, sich vertrauensvoll hinzugeben. Deshalb fällt uns das Lernen im zunehmenden Alter schwerer und erst dann wieder leichter, wenn wir uns selbst ein bisschen egaler werden und nicht mehr so wichtig nehmen, oder besser gesagt, anders wichtig. Kinder lehren uns das zum Beispiel auch: uns kontrolliert nicht so wichtig zu nehmen.
Merce Cunningham arbeitete mit John Cage (Musik), Robert Rauschenberg und Jasper Jones (Kostüm, Bühnenbild) zusammen.
Man darf ruhig fragen, ob das überhaupt noch Tanz ist, genau so wie man bei Rauschenbergs Bildern fragen darf, ob das noch Malerei ist, oder bei Cages Musik, ob das noch Musik ist. Denn mit genau diesen Fragen beschäftig sich die Moderne: Was sind ihre Grenzen? Was sind ihre Möglichkeiten? Und daraus resultieren Werke sind Angebote für Antworten.
Ich finde, es darf einem ruhig absurd und lächerlich vorkommen, genau so, wie man es konsequenzlos ernst nehmen darf.
Ich bin noch hin- und hergerissen. In der üblichen „Ich weiß das zu schätzen“-Haltung jeglicher Kunst gegenüber.
Je mehr ich mir aber ansehe und ihm zuhöre und über ihn lese, desto interessierter bin ich. Ballett entwickelte ja auch diesen unerwarteten Sog und ich vermute, dass zeitgenössischer Tanz den selben Effekt hat. Vielleicht sogar noch größer, was ich befürchte. Mein Ballettlehrer hat mich gewarnt, weil ich technisch und körperlich weit gekommen bin, und wenn ich Ballett vernachlässige, falle ich zurück. Ich vernachlässige es aber nicht, ich muss nur beide Formen (weiter)lernen und weitertrainieren.
Ich hatte noch nie von Merce Cunningham gehört und war überrascht, mit welchen Künstlern er alles gearbeitet hat.
2003 hat Merce Cunningham mit der Musik von Sigur Rós und Thom Yorke das Stück Split Sides aufgeführt.
Merce Cunningham starb am 26. Juli 2009 im Alter von 90 Jahren. Er veranlasste, dass die Merce Cunningham Dance Company nach seinem Tode noch eine Tour macht, The Legacy Tour, und sich dann auflöst.
Sein letztes Stück heißt Nearly Ninety, es gibt davon ein eineinhalbstündiges Video von den Proben und einen kurzen Ausschnitt.
Es gibt eine DVD, die leider sehr teuer ist.
Und es gibt eine Merce Cunningham App, ich habe aber kein iPad.
Man kann auch einen eineinhalbstündigen Unterricht nach der Cunningham-Methode mitmachen. Hier noch einmal die Methode mit genauen Erläuterungen.
Schon etwas merkwürdig, wenn man das ausprobiert, so als wäre man Teil eines Kunstwerks eines Künstlers der klassischen Moderne, den man noch gar nicht kannte.