Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte Ballett zu lernen, bereitete ich mich den Sommer über zuhause mit Youtube-Videos vor, bis die Probestunden begannen, damit ich nicht ganz doof dastehe.
Ich dachte, ich muss Spagat können, wenn ich anfange; ich klebte mir Markierungen auf den Boden und kaufte mir im Budo-Shop einen Beinspreitzer, das Teil kannte ich vom Karate (Man kann damit nur den so genannten Männerspagat trainieren und ist eigentlich überflüssig, aber ich benutze es trotzdem gerne).
„Bist du verrückt?“ „In deinem Alter?“ „Das ist ungesund!“
„Was willst Du machen? Ballett? Du?!“
„Ich finde die Idee etwas … extrem.“
Ich trainierte jeden Tag und versuchte die Grundpositionen der Arme und Beine zu lernen. Ich dachte mir: je mehr ich kann, desto weniger wird's peinlich. Ich lernte nach dem ballet glossary vom Royal Opera House und machte nach, was mir Romany Pajdak am Bildschirm vormachte.
Das Ziel, nach vier Monaten Spagat zu können, verlegte ich mal auf drei Jahre später.
Ich hatte nicht damit gerechnet, in die Kurse reinzukommen, weil es keine Anfängerkurse gab, aber im September bot man mir Probestunden an zum „Reinschnuppern“. Ich dachte mir, Reinschnuppern ist nicht mehr, ich hatte bereits eine Nase genommen und war schon auf Droge.
Ich hatte Scheißangst.
Ich suchte nach Musik, die mir am meisten Schub gibt und entdeckte Prodigy wieder neu. Voodoo People wurde der perfekte Opener zur Fahrt zur Schule und Hyperspeed das perfekte Finale vor dem Eintreten.
Erste Schule
Begrüßt wurde ich mit einem freundlichen „Hallo“ von meinen zukünftigen Mittänzerinnen. Danach sprach nur noch der Lehrer.Während in meinem Kopf noch Prodigys Samples durch mein Hirn purzelten, wurde ich hinter eine junge Tänzerin gestellt, der ich alles abgucken sollte. Ich kam mir nie älter vor, ich kam mir selten so schräg und schrullig vor.
Am Ende der Stunde erntete ich ein bestätigendes Nicken von meiner Vortänzerin. Diese Prüfung hatte ich bestanden.
Zweite Schule
In der zweiten Schule war das Altersgemisch noch größer, dort wird nach Leistung eingeteilt. Die Lehrer sind professionelle Tänzer aus Russland. Ich durfte in die Gruppe und war sehr froh, weil ich merkte, dass ich es mit einem Profi zu tun hatte. Eine seiner Übungen am Ende der Stunde bestand leider darin, paarweise die Personen quer durch den Raum tanzen und springen zu lassen. Ich habe noch nie so viel Konzentration und Resilienz aufbringen müssen wie beim Durch-den-Raum-Hüpfen mit Mädchen, denen das ganz offensichtlich peinlich mit mir war. Mir in der Situation selbst nicht peinlich zu sein, war eine meiner größten Herausforderungen. Das Paradoxe daran war: Das war eine Lockerungsübung, hahaha.Mittlerweile habe ich es geschafft: Ich bin auf Gleichstand, ich kann die Figuren und Übungen und werde als gleichwertiger Mittänzer angesehen, nicht nur wohlwollend toleriert, sondern ernsthaft Teil einer Gruppe.
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