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13. January 2012 6 Min. Lesezeit

Zehn Jahre ins Internet schreiben

Ich schreibe seit fast zehn Jahren ins Internet. Zur Geburt unserer ersten Tochter habe ich angefangen und Tagesgeschichten geschrieben, um die Verwandten auf dem Laufenden zu halten und zur Erinnerung. Vom 1. Dezember 2002 bis 30. August 2005.

Da ich also Ende des Jahres Zehnjähriges haben werde, las ich heute noch mal in den alten Einträgen. Hier ein paar Auzüge:

Samstag, 14. Dezember 2002

Gestern habe ich Paula nur eineinhalb Stunden gesehen. Ich wollte eigentlich Kaffe kochen, aufs Klo gehen, mich umziehen, die Lasagne in Ofen schieben, ein Geschenk einpacken ... Paula, du hast doch gerade gegessen bzw. getrunken. Bist du gar nicht müde? Kann ich jetzt vielleicht auch mal selbst ...? Nein? Du willst auf jeden Fall rumgetragen werden? Na, gut. Ah, da ist ja die Mama. Ich muss dann jetzt auch wieder los. Tschüss. Das ist ein Tag, nach dem man das Gefühl hat, vieles nachholen zu müssen.

Heute morgen habe ich sodann ihren Lieblingspulli angezogen. Den weißen mit dem Stehkragen. Darin sieht sie aus wie ein arroganter Art-Director, der lieber weiß statt schwarz trägt (was seine Arroganz noch besonders unterstreicht). Es ist wohl eher mein Lieblingspulli. Aber sie beklagt sich nicht. Nur das Anziehen dauert ziemlich lange. Man braucht etwa eine halbe Stunde, bis man alle Körperteile in ihm zurechtgerückt hat und er nicht mehr wie eine Zwangsjacke ihre Extremitäten um sie rum fixiert. Hallo, wo ist denn das Ärmchen? Ach, daaa ist es (wie kommt es denn da hin? Und wie kriegen wir's jetzt wieder da rum?).

Ich habe mir eine Daunenweste in XXL besorgt. Dann kann ich Paula ins Tragetuch nehmen und drumrum die Weste anziehen. Das ist sehr praktisch. Wir beide sind dann gewärmt und ich habe größtmögliche Armfreiheit. Natürlich sehe ich damit total bekloppt aus. Das kleine Mädchen heute morgen im Gemüseladen tat dann sogleich Wahrheit kund: Kuck mal Mama, der Mann hat einen ganz dicken Bauch! Mhm, willst du mal kucken, was da drin ist? Naja, drin lag die schlafende Paula und das Mädchen schaute etwas verwirrt vor sich hin. Vielleicht hätte ich ihr einfach erzählen sollen, dass da Wackersteine drin sind. Das hätte sie wahrscheinlich nicht so verwirrt.

Samstag, 15. Februar 2003

Nichts passiert natürlich. Ich denke oft, wie schnell man die Entwicklung seines Kindes beeinflusst und in bestimmte Bahnen lenkt. Paula wird wohl zur zukünftigen „Generation Unterhaltung“ gehören. Unterhalt mich! ... Jeden Tag um 20.00 Uhr will Paula unterhalten werden. Dann will Sie rumgetragen, rumgehoben, geknuddelt, gewirbelt und gewickelt, geschunkelt und bequasselt werden. Und dann hat Sie viel Spaß und erzählt und lacht. Trotzdem möchte ich mir dabei lieber nicht zusehen. Na, was macht der Papa fürn Quatsch mit dir? fragt Karin dann Paula. Ja, was mach ich da fürn Quatsch eigentlich? Und dann ist Sie müde und will schlafen. Zum Glück. Denn dann fängt mein Feiarabend an, der zeitlich leider mit dem Zu-Bett-Gehn zusammenfällt.

Heute waren wir auf einem Flohmarkt für Kinderware. Anschließend spazierten wir in klirrender Kälte durch Berg und Tal mit dem Ziel, sich bei Speis und Trank die Finger wieder zu wärmen. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber ich hatte den Eindruck, dass die junge Frau am Nebentisch ihrem jungen Freund häufiger als nötig über die Hand streichelte und gut zusprach: Siehst, du?! Sind Babys nicht süß?! (Wir saßen zu sechst am Tisch: zwei Säuglinge und vier Erwachsene, die sich über Windeln, Verdauung und die Entwicklung der Sprache bei Kindern unterhielten). Ich sah die Panik in seinen Augen. Ich sah seine schlimmsten Befürchtungen in sein Gesicht geschrieben. Im Moment liegen die beiden bestimmt im Bett und sie setzt alle Hebel in Bewegung um ihn zum Beischlaf zu bewegen. Er weiß natürlich genau, was sie vorhat und den Rest kann man sich denken. Nichts passiert natürlich.

Montag, 21. Juli 2003

Es gibt nichts, das großartiger ist: Am Nachmittag seine lachende und zappelnde Tochter in die Luft heben. Dieser Mensch, der sich nichts als freut. Erwachsene haben sich das Freuen mit dem ganzen Körper abgewöhnt. Das einzige, was wir noch erleben, ist ein warmer Schauer, der über den Rücken läuft.

Und, freust Du dich? Joa. Nö, doch. Ist wirklich ... naja ist also echt gut. Nö, ich find's klasse. Mhm, doch. Ich freu mich. Echt. Ne, wirklich. Ist echt schön.

Wenn ich Paula erlebe, fühle ich mich immer etwas alt. Manche nennen das erwachsen sein. Und meinen doch nur faul, freudlos und langweilig. Ich geh jetzt vor lauter Freude durch die Wohnung zappeln.

Sonntag, 09. November 2003

Paula ist einen Schritt weiter. Genau einen Schritt kann Sie machen. Einer kleiner Schritt für andere, ein riesengroßer für Sie.

Demnächst wird Sie ein Jahr alt und wir planen ein rauschendes Fest mit Dinkeltoast und Fencheltee. Wir wollen Sie früh morgens überraschen. Um Punkt Sieben kommt eine Blaskapelle in Ihr Zimmer und spielt „Young Hearts Run Free“ von Candie Staton. Dann entzündet ein Clown ein gigantisches Feuerwerk im Nachbarort, das wir uns von einer Montgolfiere aus anschauen werden. Anschließend überreicht der Chinesische Staatszirkus Ihr ein Bobby Car in Form des legendären Silver Shadows. Vielleicht gehen wir aber auch nur spazieren.

Freitag, 18. März 2005

„Veränderung beginnt im Kopf“ stand letztens im Lokalblättchen. Nein, Veränderung beginnt nicht im, sondern am Kopf: Die Haare werden Grau, die Haut wird blass und das Bindegewebe hält auch nicht mehr das, was es mal versprach. Wird Zeit, dass es Sommer wird. Frühling ist auf jeden Fall seit zwei Tagen da. Hallo! Herrlich, letztes Wochenende saßen wir noch auf dem Schlitten, heute laufen wir im T-Shirt durch den Zoo. Ja, wir waren wieder seit langer Zeit im Zoo. Einer meiner Liebingsorte, weil Paula da ungehindert rumlaufen kann. Es fehlt in dieser Stadt ein Park. Nach dem Zoo waren wir im Botanischen Garten. Auch ein beliebter Ort zum Spazierengehen. Dieses Spannungsverhältnis von Kultur und Natur, von Mensch und Pflanze, von anorganisch und organisch, all das, was eine gute Dynamik ausmacht: lauter Fragen und keine Lösung, ich liebe das. Ein Happening, Ein Readymade, Ein Object trouvé. Kunsthistoriker holen gerade tief Luft und legen sich im Geiste die Worte zurecht ... behaltet sie für euch und genießt. Paula hat übrigens selbst gebeten dort hin zu gehen.

Einer unserer Kosenamen für Paula ist „Eigensinn“. „Du Eigensinn“ sagen wir, wenn sämtliche Verusuche scheitern, Ihr etwas auszureden. Viele Vokabeln der Beeinflussung von Kindern durch Erwachsene sind erschreckend hässlich. Vor wunderschönen Vokabeln werden Präfixe drangehängt, die das Wort verunstalten: ab-bringen, aus-reden, ab-halten. So war Sie heute nicht davon abzuhalten, in unserem Bett zu schlafen. Schon im Auto verkündete Sie: Paula Mamas Bett schlafen, nicht kleines Bett, Angst. Wovor hast Du denn Angst , blablabla, brauchst doch keine Angst haben, blablabla. Paula will nicht diskutieren oder Ihr Herz ausschütten, sondern in unserem Bett schlafen. Als ich Sie dann in Ihr Bett brachte (Hat Sie bestimmt vergessen, das mit unserem Bett), verlief auch alles normal, bis ich Sie hinlegte. Dann ist einfach klar: Ist nicht. Paula will raus oder ins große Bett. Wer Paula kennt, tut in diesem Fall, was Sie sagt. Nun liegt Sie in unserem Bett und ist freudig und glücklich eingeschlafen. Das ist auch ausnahmsweise kein Problem, weil Karin gar nicht da ist.

Danach entdeckte ich das Bloggen, fotoblogte und blogte mit allem, was mir zwischen die Finger kam. Um das Schreiben ging es mir gar nicht mehr so und manchmal dienten meine Einträge nur dazu, etwas spannender zu sein als Blindtext.

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