Ich sammele gerade Songs, die ich von Depeche Mode covern will und Blasphemous Rumours ist einer der ersten, der mir in den Sinn kommt.
Ich fand ihn immer außergewöhnlich schön. Und vertrackt. Er ist eingebunden in Construction Time Again, und dazu muss ich ein paar Worte sagen. Das Album spielt mit Industrial Sounds, und zwar wortwörtlich. Der Produzent Daniel Miller liebte Maschinenmusik.
Er war Gründer von Mute-Records und nahm Einstürzende Neubauten unter Vertrag.
Das Album Construction Time Again ist im Umfeld von Einstürzende Neubautens Musik entstanden und inspiriert von den Klängen, Sounds und Samples.
1983 nahm Frank Towey Collapsing Nes People auf, in direkter Anlehnung an Collapsing New Buildings (Einstürzende Neubauten).
Bereits 1983 brachten S.P.K. Metal Dance raus, das auf der (Klang-Ästhetik) aufgebaut ist. Das Jahr, in dem auch Front 242 ihre Tracks veröffentlichten.
Kurzum, Construction Time Again ist ein Album, das vom Industrial Sound inspiriert ist.
Jens Balzer nennt die Achtziger „das pulsierende Jahrzehnt“. Die Achtziger waren das Jahrzent gleichzeitiger Extreme, kunterbunt schrill und zutiefst dunkel zugleich.
Blasphemous Rumours hat einen ungewöhnlich religiöses Thema. Die Achtziger war die Zeit der Sekten und der Satanic Panic. Das Christentum als Zuflucht wurde eher weniger angestrebt. Ungewöhnlich, dass Depeche Mode so einen christlich-kritischen Song schreiben, einer, der zum Großteil aus dunklen industrial sounds besteht, und nur im Refrain eine Melodie aufweist, fast entschuldigend die Frage stellt: Wie kann ein Gott so etwas zulassen?
Ich find ihn heute noch außergewöhnlich, außergewöhnlich christlich, einfach, aber grundlegend.
Ich habe dieses Jahr erst ein Interview mit einem Seelsorger gelesen, der in Notfällen zur Seite steht. Denen zur Seite steht, die gerade die größte Katastrophe ihres Lebens erlebt haben, und die ihn fragen, wo sein Gott jetzt ist? Und der in solch einem Moment sagt: Ich weiß es nicht. Ich denke, das Wesentliche an der Situation ist nicht die Frage oder die Antwort. Das Wesentliche, ist dieser Mensch, der da ist, und nicht weg geht. Der, der bedingungslos da ist, und dem man in einem solchen Fall alles an den Kopf werfen kann und der es es aushält.
Der Song Blasphemous Rumours handelt von diesem Thema, und ich finde, er handelt davon außergewöhnlich gut. Respektvoll, fragend, zweifelnd.
Das „I expect to find him laughing“ ist das weinende und lachende Auge zugleich. Passend dazu, die Szene aus Dogma (1999). Why are we here? Beep. Didn’t I tell you, she is funny?.
Es ist ja nicht so, dass Gläubige einem anderen die Antwort schuldig wären. Es ist so, das niemand die Antwort weiß.
Das war jetzt ziemlich viel Vorrede für einen Cover-Song, der nur ein Demo ist für meinen 60., wenn ich (wir?) ihn live im Wohnzimmer spielen.
Ich bin kein Depeche Mode-Fan, aber sie begleiten mich durch meine erste Liebe mit 17 bis hin zu meiner Zeit als ich 21 war und ich zweimal im Konzert auf ihrer Devotional-Tour waren, weil eine Freundin von mir Merch gemacht hat und ich Freikarten bekam.
Ich denke, ich bin doch Depeche Mode-Fan, nur kein Sammler in dem Sinne, tief verbunden mit der Band und der Dynamik, die sie repräsentier(t)en.
Es ist auch weniger mein Verhältnis zu der Band als vielmehr, was mich mit anderen über diese Band verbunden hat. Echte Leidenschaft. Das ist etwas ganz Besonderes. Diese verrückte Band schaffte es, Menschen auf einer sehr tiefen, persönlichen Ebene zusammenzubringen. Dunkle, tiefe, kritische Gedanken und Gefühle zu teilen. Nicht als Sog und Strudel, der einen runterzieht, sondern als Kraft, aus sich selbst heraus hervorzugehen.
Depeche Mode hat mich mit anderen zusammengebracht. Und wenn ich andern andere treffe, die ihnen etwas bedeutet (hat), dann nickt man sich freundlich zu und weiß: Auch du hast Abgründe.
Langer Text, um ein Demo zu posten, aber vielleicht steckt da mehr dahinter, als ich wahrhaben will. Vielleicht ist es die Gelegenheit, „Danke“ zu sagen, nach langer Zeit. Danke denen, mit denen ich über Depeche Mode verbunden war.
Ich habe kein Lebenswerk, das ich ich hinterlassen werde. Ich habe ein Verbindungswerk. Immer gehabt. Nichts Besonderes oder Eigenes hervorgebracht, was der Rede wert wäre. Eigene Songs, immerhin.
Ich rede, als sei das das Ende. Aber 60 fühlt sich schon wie eine kleine Zäsur an. Nicht Ende, nur eine Zäsur.
Danke sagen an alle, mit denen man seine dunklen, traurigen, komischen, merkwürdigen, widersprüchlichen, skurillen, schrulligen Gefühle teilen kann und durfte.