Problemdemografie

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Ich mer­ke, wie sich bei mir immer mehr eine Pro­blem­de­mo­gra­fie in mei­ner Vor­stel­lung bil­det, auf­grund der Arti­kel, die über Stu­di­en schrei­ben. Es geht um etwas Grund­sätz­li­ches, am liebs­ten wür­de ich den Men­schen sagen: Nehmt nicht an man­chen Stu­di­en teil, guckt euch vor­her die Fra­ge­stel­lung und das Ziel an, gebt denen sonst kei­ne Aus­kunft, sie erzeu­gen even­tu­ell Stig­ma­ti­sie­rung und bil­den Risi­ko­grup­pen, die Men­schen demo­gra­fisch ins Abseits beför­dern. Die jun­gen, abge­häng­ten Män­ner, allein­er­zie­hen­de Müt­ter, Bil­dung­fer­ne, Zucker­es­sen­de, Fer­tig­mahl­zei­ten­ver­zeh­ren­de, Nost­al­gi­sche, Neu­ro­ti­zis­ti­sche.

Medi­en ver­stär­ken die­se Dyna­mik und erzeu­gen sie manch­mal erst durch ver­zerr­te und ver­kürz­te Dar­stel­lung in einer Head­line. 

Neh­men wir mal so eine Grup­pe wie die Reak­tio­nä­ren, Nost­al­gi­sche, Rück­wärts­ge­wand­te, die den Fort­schritt nicht mit­ma­chen und sich anpas­sen wol­len. Was die bes­ser fin­den, ist aus­tasch­bar. Die wol­len bloß ihre Ruhe. Gene­rell sind es Unan­ge­pass­te, die nicht genug zum Brut­to­so­zi­al­pro­dukt bei­tra­gen. Das Schreck­ge­spenst des Gamm­lers in immer wie­der neu­er Form, nur irgend­wie will man sie erken­nen, iden­ti­fi­zie­ren. An der Fri­sur erkennt man sie halt nicht mehr. Ja, es gibt Men­schen, die wirk­lich hel­fen wol­len, mehr als genug, das tun sie aber nicht auf­grund von Unter­su­chun­gen son­dern Kraft ihrer Ver­nunft. Sie zäh­len sich das an den zehn Fin­gern ab und brau­chen kei­ne Daten im Tau­sen­der­be­reich.

Was mir grund­sätz­lich nicht gefällt, dass wir immer  „die Gesell­schaft“ unter­su­chen und eine sozio­lo­gi­sche Meta­ebe­ne erzeu­gen, anhand derer wir uns ori­en­tie­ren und auch so wie­der zu einem Selbst­op­ti­mie­rungs­over­load kom­men und Men­schen anhand kum­mi­lier­ter Merk­ma­le ins Abseits drän­gen. Kein Feind­bild schaf­fen, aber ein Pro­blem­bild, das Geld kos­tet und eine Gefahr für Leib und Leben dar­stellt.

„Das kann sich eine Gesell­schaft nicht leis­ten“ passt eigent­lich immer und auf alles.

Viel­leicht fängt es schon mit der Art der Fra­ge an, nicht die Men­schen wie frem­de Wesen kate­go­ri­sie­ren, son­dern fra­gen: Was brau­chen sie? Was hilft ihnen? Nicht bloß ana­ly­sie­ren und die Ergeb­nis­se prä­sen­tie­ren. Ist das noch neu­tral, was da manch­mal gemacht wird? Die For­schung kann gar nicht neu­tral sein und ist das dann wenigs­tens hilf­reich? 

Müss­te man  nicht vor jeder Unter­su­chung, zumin­dest für sich selbst, fra­gen: Ver­stär­ke ich hier bloß einen Effekt? Bringt das neue Erkennt­nis­se? Erzeu­ge ich bloß Bestä­ti­gung eines Vor­ur­teils? Nützt das jeman­dem?

Am Ende hat man man einen Hau­fen war­nen­de und mah­nen­de Paro­len und eine Grup­pe „Abge­häng­ter“, denen mit nichts gehol­fen ist, weil das ja selbst­ver­ant­wort­li­che, selbst­stän­dig han­deln­de Men­schen sind. Das Haupt­ar­gu­ment ist dann auch gar nicht, dass man den Men­schen einen bes­se­res Leben ermög­li­chen will, nur, dass sie „dem Sys­tem“ nicht so auf der Tasche lie­gen. Die Aus­sa­ge, dass sich eine Gesell­schaft so einen Zustand nicht leis­ten kön­ne, heißt kon­kret immer auch Geld oder Kos­ten für Sozi­al­sys­te­me. Am Ende bleibt das Armuts­pro­blem. In der Sum­me aller Grup­pen haben wir das neue Feind­bild und Schreck­ge­spenst „Sozi­al­staat“. Das hal­te ich für kata­stro­phal. Es ist kei­ne Fra­ge, ob man sich das leis­ten kann (natür­lich, man kann und muss), son­dern ob man sich das leis­ten will.

Mir geht es nicht dar­um, nicht mehr zu for­schen, son­dern den Effekt im Blick zu haben.

Kann es sein, dass es hier zu wenig qua­li­ta­ti­ve For­schung gibt und zu viel Daten­sam­mel­wut, die immer genau­er wird? Wie viel Zucker man isst? Ob man Angst vor der Zukunft hat? Ob man ger­ne Frank Duval hört? Und am bes­ten, weil es ja tech­nisch geht, brin­gen wir die­se Daten zusam­men und erhal­ten bestimmt neue, groß­ar­ti­ge Erkennt­nis­se. 

Ist das Pro­blem noch aktu­ell? Wol­len wir das so? Mir gefällt das nicht. Wir erzeu­gen mehr Schreck­ge­spens­ter als Lebens­hil­fe oder ‑ori­en­tie­rung. Die gute Absicht scheint mir ver­lo­ren gegan­gen zu sein. Wir haben eine Ana­ly­se- und Opti­mie­rungs­ma­schi­ne gebaut, die nicht mehr auf­zu­hal­ten ist. Wir haben eine ech­te Arsch­kar­ten­ge­sell­schaft.


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