Seit einiger haben sich Erfahrungen angesammelt, die ich bisher stillschweigend versucht habe, zu ignorieren, was auf Dauer nicht funktioniert und mich in Erklärungsnot brachte. Weil mich diese Erklärungsnot ärgert und ihre Ursache darin besteht, dass einem das Vokabular und damit eine genaue Vorstellung fehlt, will ich veruchen, das hiermit zu ändern.
Vom Amateurfotografen zum Spaßfotografen …
Wer mit einer Digitalkamera fotografiert und daran Spaß hat, wird ziemlich schnell die Bilder, die die Kamera liefert, mithilfe einer Software bearbeiten. Bei der Wahl der Einstellungen werden ästhetische Präferenzen mit der Reaktion der Betrachter abgeglichen und auf größtmögliche Attraktivität ausgerichtet.
Ein Beispiel Im Kindergarten hat ein Vater Fotos von den Kindern gemacht, die er mit einem Filter versehen hat, der die Farben stark verfremdet. Ich vermute, dass vielen die Farbveränderung als solche nicht auffällt, und diejenigen, denen es auffällt, wird es angenehm auffallen. Realitätsnähe ist eine Spaßbremse, Echtheit ein Spielverderber. Ich bin kein Spaßfotograf. Man unterscheidet zwischen Profi- und Amateurfotograf, diese Unterscheidung ist hinfällig. Ich schlage vor, neue Kategorien zu definieren. Es gibt Überschneidungen und mehr oder weniger strenge Ausrichtungen. Diese Kategorien dienen der Orientierung und der Verständigung, nicht der Argumentation.
Emotionale Fotografie
Das ist Fotografie, die hauptsächlich Emotionen beim Betrachten auslösen will. Realitätsnähe ist unwesentlich.
Dokumentarische Fotografie
Diese Fotografie will größtmögliche Realitätsnähe. Der Fotograf steht in direktem Dialog mit seiner Umgebung.
Illustrative Fotografie
Das sind Fotografien, denen eine Aussage zugrunde liegt. Diese Fotos kann man im Wesentlichen mittels Sprache beschreiben.
Künstlerische Fotografie
Der Fotograf schafft ein Werk im Sinne eines Kunstwerks. Es kann den anderen Kategorien ähnlich sein, das hängt vom Kunstbegriff ab.
In der Praxis
Daraus ergeben sich Kombinationen: dokumentarisch-illustrativ-emotionale Fotografie, die zum Beispiel bei Hochzeiten eingesetzt wird oder wie bei dem Vater in dem Beispiel oben. Fotojournalisten betreiben Dokumentarische Fotografie, müssen aber im Hinblick auf Illustrative Fotografie und Emotionale Fotografie arbeiten. Wenn sie gut sind, können sie das auseinanderhalten und gleichzeitig berücksichtigen, sie bewegen sich frei und gezielt in den Kategorien, schlechte Fotografen sind uneindeutig und wissen nicht um die Bedingungen.
Zur Klärung
Ich bin gerne Dokumentarischer Fotograf. Ich bin eine Spaßbremse. Meine Fotos sind zweckfrei, unökonomisch und nicht verwertbar. Meine Fotografie macht mir Freude. Ich bewerte Fotografie nach ihrer Deutlichkeit der Ausrichtung, bezogen auf die Kategorien. Je eindeutiger, desto lieber. Deshalb komme ich zu der Aussage, dass ich nur wenige gute Fotos mache. Ich bin auch Emotionaler Fotograf, wenn ich meine Kinder fotografiere.
Vom Spaßfotografen zurück zum Amateurfotografen
Der jetzige Amateurfotograf ist derjenige, der ein Foto so nimmt, wie es aus der Kamera kommt. Er bearbeitet nicht. Es ist eine aktive, ehrliche Absage an die Möglichkeiten der digitalen Fotografie.